Wenn der falsche Mann am falschen Ort eine falsche Rede zum falschen Zeitpunkt hält, dann ist das normalerweise der Augenblick schallenden Gelächters. Doch dieser Fall schloß Komik aus.

Da also Jenningers Rede nicht komisch war, kann sie auch nicht, anders als Theo Waigel meinte, tragisch gewesen sein. Denn Komik und Tragik sind zwei einander bedingende Ergriffe. Wo das eine fehlt, muß auch das andere fehlen.

Dies ahnend nennen wir Jenninger und seine Rede einfach dumm. Das ist nicht falsch, aber unvollständig. Der Text, den Jenninger zu verlesen sich vornahm, war nicht dumm, jedenfalls zu großen Teilen nicht.

Der Text versuchte jenen, die diese Zeit nicht selber erlebt haben, und das ist die überwältigende Mehrheit heute, zu erklären, weshalb die überwältigende Mehrheit damals einverstanden war oder einverstanden schien mit den Nürnberger Gesetzen, mit den splitternden Fensterscheiben und mit dem, was folgte. Die Erklärungen, die der Text anbot, mögen unvollständig oder einseitig gewesen sein, aber sie waren der Sache nach nicht falsch.

Abgesehen davon, daß der Text sich einer für diesen Zweck ungeeigneten Rollenprosa bediente: Er erklärte etwas. Wer etwas erklärt, der macht etwas plausibel. Wer etwas plausibel macht, der kann selten die Gefahr vermeiden, etwas verständlich zu machen. Und wer etwas verständlich macht, der muß den Anschein erwecken, er billige es.

Dieser Argumentationsmechanismus scheint mir ebenso gefährlich wie unvermeidlich. Die Gefahr liegt auf der Hand: die Plausibilisierung von Auschwitz. Unvermeidlich ist der Mechanismus deshalb: Gefühle wie Betroffenheit oder Empörung sind solche des Augenblicks, und sie sind individuell. Eine lange Zeit andauernde kollektive Betroffenheit scheint mir unmöglich. Wo sie auftaucht, ist sie fast immer, so behaupte ich, geheuchelt. Das kann gar nicht anders sein.

Anstelle der Heuchelei wäre das Begreifen und das Verstehen angebracht. Es wäre nötig zu begreifen, wie und weshalb das Unausdenkbare gedacht und in die Tat umgesetzt wurde. Um das zu begreifen, müßte man erklären: die psychischen, die sozialen, die historischen Ursachen. Erklären heißt vergleichen, heißt ableiten, heißt reduzieren. Über die Kritische Theorie von Horkheimer, Adorno und anderen schrieb Jean Améry: „Dialektische Geistesschärfe höchster Ordnung brachte das Irreduzible, was sich in diesem Land ereignet hatte, unter in einer keimfreien Denkstruktur.“ Und Dolf Sternberger bemerkte kürzlich, Auschwitz sei in Wahrheit nicht zu verstehen.

Wir stoßen im Fall Auschwitz an einen Punkt, der die Dialektik aufzuheben scheint. Wo Tragik ist, da ist auch Komik. Wo erklärt werden kann, da ist auch Verständnis. Komik und Verständnis aber sind keine Kategorien für Auschwitz. Der Verstand steht also still. Bloße Gefühle aber sind flüchtig, beliebig, und sie erkalten auf die Dauer. All das nennt man in der klassischen Philosophie eine Aporie. Einfacher: Für den, der lange genug über Auschwitz nachdenkt, führt das Räsonnement in die Sackgasse. Ulrich Greiner