Wir können der Opfer gedenken. Wir, die Lebenden, können um sie, die Toten, trauern. Aber wenn es ums Erklären geht, dann gilt kein "wir" mehr. Philipp Jenningers Versuch zu erklären, wie "es dazu kommen konnte", wird falsch durch dieses "wir". Es war nicht "Deutschland", das Abschied genommen hatte von der Humanität: Nicht "wir Deutschen" hatten die Weimarer Republik als eine Demütigung erfahren; und nicht, "das deutsche Volk" mußte 1945 verdrängen und aufbauen.

Es sind falsche Allgemeinbegriffe. Das "Faszinosum", von dem Jenninger erzählt, der verbrecherische Wahnsinn, den er benennt, sie hatten Bedingungen: die Hohlheit des bürgerlichen Humanismus, der Antidemokratismus der Führungseliten in Justiz, Wirtschaft und Armee, die Industriespenden an Hitler, die Moskauhörigkeit der Kommunisten, das Schwanken des Zentrums, die Zerschlagung der Gewerkschaften, das demokratische Zaudern der Sozialdemokratie. Zusammen war das eine bedrückende Mehrheit; aber es waren nicht die Deutschen. Und ihnen gegenüber steht nicht allein das gleichförmig graue Heer der stummen Opfer, sondern eine Vielzahl unterlegener Gegner. Es gab Widerstand; und heute noch leben Juden, die darauf bestehen, nicht als Opfer vertrieben, sondern als Gegner geflohen zu sein. Jenninger kennt nur die Scham über die Komplizenschaft der Mehrheit, über die Untaten, das sprachlose Entsetzen oder die Kompromittierung "aller Werte ..., aller Tugenden, aller Autoritäten", die moralische Stunde Null für "die Deutschen". Und damit betreibt er Zwangsintegration, nimmt die in Kollektivhaft, derentwegen wir das Wort "deutsch" überhaupt noch in den Mund nehmen können.

1945 war nicht für "die Deutschen" sinnlos. Es gab Menschen in Deutschland, die haben 1945 gesiegt. Sie hießen Heinrich Mann und Herbert Wehner, es waren Gewerkschafter und Konservative, Saboteure und Familienväter, die mitten in Berlin Juden versteckten.

An sie hat Jenninger nicht gedacht. Er hat das andere Deutschland enteignet; er hat die totgeschwiegen, auf deren Niederlage allein sich eine "neue moralische Tradition" begründen ließe. Ja, er hat alle, die nicht verdrängen mußten, präventiv der "moralischen Überheblichkeit" verdächtigt – statt anzuknüpfen an die einzige Tradition, an die wir anknüpfen können: die unterlegene Tradition der Aufklärung, der Demokratie, des Liberalismus und des Sozialismus. Jenninger rechnet sie pikanterweise unter die Minoritäten – und es stimmt, ihr geistiges Bürgerrecht ist immer noch bestritten: Heinrich Heines in Düsseldorf, Carl von Ossietzkys in Oldenburg, Theodor Lessings in Hannover und Erich Mühsams in Berlin (West).

Nein, die Deutschen gibt es immer noch nicht. "Sobald man zu viele Menschen zusammenfaßt, um von ihnen etwas zu sagen, so muß das, was man sagt, notwendig unbestimmt, schwankend sein." Das schrieb Karl Philipp Moritz, ein Proletarier, ein Aufklärer, ein Intellektueller. Jemand, der keinen Platz hätte an Dreggers Stammtisch.

Mathias Greffrath