In Bonn hat einer geredet – und hat mit einer einzigen Rede seine Karriere fürs erste beendet. Das stürzt einige in Bonn, die ihre Karriere noch gern vor sich hätten, in ein tiefes, wenn auch wahrscheinlich vergebliches Nachdenken. Hier möchten wir Lebenshilfe leisten.

Der Knoten ist nahezu gordisch. Denn erstens weiß der Bonner Karrierist nun, wie gefährlich das Reden für die Karriere ist. Doch zweitens weiß er (und zwar schon lange), daß es ohne ständiges Reden gar keine Bonner Karriere geben kann – überall strahlen die Scheinwerfer, surren die Kameras, zittern die Mikrophone. Wer da seinen Auftritt verpaßt (sich etwa in die Herrentoilette davonstiehlt), ist zwar womöglich ein Ehrenmann, aber eine politische Null.

Wer in Bonn etwas werden und bleiben will, für den gilt: Lerne reden, ohne zu denken! Hätte Redner J. sich an diese einfache Wahrheit gehalten, hätte er nur mit angemessenem Tremolo die Betroffenheits-Liturgie heruntergebetet, hätte er nicht den naturgemäß tragischen Ehrgeiz gehabt, vor seinem Reden selber zu denken – alle hätten friedlich gedämmert, keiner hätte den Saal verlassen, keiner sein schönes Amt aufgeben müssen.

Wie lerne ich reden? Für den forschen, strebsamen Bonner Aufsteiger bietet sich ein Kursus in drei Folgen an. Für Anfänger: die Kohl-Wolke. Für Fortgeschrittene: die Bangemann-Lawine. Für Könner: das Genscher-Prinzip.

Der Anfänger lernt, wie man jeden Sinn zur Phrase verdampfen läßt – man muß nichts sagen, dies aber unbedingt in feierlicher Form. Der Fortgeschrittene lernt, daß man alles sagen kann, wenn man auch wirklich alles sagt – wenn nur jeder Gedanke (auch der möglicherweise anstößige) rechtzeitig vom Wortgeröll, von der Redeflut begraben wird.

Der Könner schließlich erlernt den dreifachen Genscher. Erstens immer zu reden! Zweitens niemals etwas zu sagen! Drittens dabei doch immer absolut kompetent, unfehlbar professionell zu wirken! Auf eine Weise nichts zu sagen, daß jeder andächtig denkt: Der Mann hat aber etwas zu sagen! Das nennt man in Bonn schon ein „Charisma“.

Politik ist also ganz einfach. Hans-Dietrich Genscher wird niemals zurücktreten müssen. Er war Minister, ist Minister, bleibt Minister – bis ans Ende seiner, unsrer oder aller Tage. Amen. Finis