Von Iring Fetscher

Masao Maruyama ist ein führender Sozialwissenschaftler Japans, der vor allen durch seine kritische Diskussion der japanischen kulturellen Tradition und des japanische! „Faschismus“ bekannt geworden ist. Das Buch nennt sich nicht zufällig „Denken in Japan“ und nicht „japanisches Denken“, weil es – wie Maruyama mit Bedauern feststellt – zu einer bleibenden kulturellen Identität Japans bislang nicht gekommen sei. Auf der einen Seite haben sich Japaner nicht erst seit der Meji-Reform immer wieder als ungemein anpassungs- und aufnahmefähig erwiesen und waren imstande, die Errungenschaften fremder Kulturen, sei es der chinesischen, sei es der europäischen, in sich aufzunehmen. Ali der anderen Seite aber gelang es ihnen nicht, das Fremde mit dem Eigenen zu verbinden und die eigene kulturelle Tradition den Bedürfnissen der Moderne anzupassen. So kommt es, daß etwa in den Naturwissenschaften, und seit den dreißiger Jahren auch in den Sozialwissenschaften, europäisches Gedankengut einseitig dominiert, während gleichzeitig die Mehrheit der Literaten und Dichter vollständig ungebrochen an einer vordemokratischen kulturellen Identität festhält.

Zwischen diesen beiden kulturellen Phänomenen herrscht in Japan offenbar ein noch größerer Gegensatz als in anderen Ländern. Die Unverbundenheit geht aber noch weiter und bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie zum Beispiel sozialwissenschaftliche Theorien – und hier in erster Linie der Marxismus, durch den überhaupt erst europäisches sozialwissenschaftliches Denken nach Japan gedrungen sei – sich als Theorie gegenüber der Realität abgekapselt haben. Die Realität in ihrer unvermittelten Erscheinung steht sozusagen im Gegensatz zu der verabsolutierten und fetischisierten Theorie. Das hat darüber hinaus dazu geführt, daß im Zusammenhang mit der Übernahme fremder theoretischer Gedankengebilde jeweils auch ein fremdes Land – sei es England, sei es Frankreich, sei es Deutschland, sei es die Sowjetunion – vollständig unkritisch zum Vorbild genommen wurde.

Da diese Art der unkritischen Aneignung fremder Errungenschaften immer wieder zu Enttäuschungen führen mußte, war es den Anhängern einer ungebrochenen vordemokratischen japanischen Tradition oft nur allzu leicht, sich – selbst überzeugend als die besseren Japaner zu präsentieren. Der rigide institutionelle Rahmen des 1871 eingeführten Tenno-Systems verdeckte lediglich bis zur militärischen Katastrophe von 1945 das Fehlen einer fremde Einflüsse assimilierenden und verarbeitenden Fähigkeit der japanischen Kultur. Die Niederlage ließ hervortreten, was schon immer ein erhebliches Defizit gewesen war.

In dem letzten Essay, der die Überschrift trägt, ‚Was man ist und was man tut‘, arbeitet Maruyama den Gegensatz zwischen einer statusorientierten vordemokratischen und einer am Tun, an der Leistung orientierten, demokratischen und industriellen Gesellschaft heraus. In Japan sei es nicht gelungen, die Gesellschaft durchgängig im Sinne einer auf Leistung und individuelle Fähigkeiten programmierten Ordnung zu modernisieren, viel mehr sei in fast allen Lebensbereichen nach wie vor die Orientierung am Status so gut wie ausschlaggebend. Und dort, wo zum Beispiel der Status eines Gesprächspartners nicht eindeutig erkannt werden könne, komme es zu erheblichen Verhaltensunsicherheiten.

In mancher Hinsicht ähneln die Probleme Japans übrigens denjenigen, die wir in der Bundesrepublik beobachten können. Das gilt vor allem für die Fetischisierung der Institutionen der modernen parlamentarischen Demokratie, die in Japan oft so weit führt, daß jede Kritik an der Funktion oder an der Gestaltung einer demokratischen Institution bereits als ein Verstoß gegen die Verfassung angesehen und verfolgt wird. Abgesehen von diesen teils aufregenden Parallelen zwischen der bundesdeutschen und der japanischen Gegenwart stellt die Sammlung der drei Essays von Maruyama vor allem eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnisse der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft und ihrer Probleme dar.

Maruyama, dessen Denken von Marx, Max Weber, Ernst Troeltsch und anderen europäischen Denkern tief beeinflußt ist, und der zugleich über ein umfassendes Wissen der japanischen Sozial- und Geistesgeschichte verfügt, ist weit besser als viele andere imstande, uns die kulturelle Problematik des Erfolgslandes Japan aufzuschließen. Es war höchste Zeit, daß diese Arbeiten Maruyamas, die in der angelsächsischen Welt schon längst weit bekannter und viel diskutiert worden sind, nun endlich auch in deutscher Sprache erscheinen.