Bonn und die deutsche Geschichte: Wie Philipp Jenningers Absichten im Eklat untergingen

Von Gunter Hofmann

Bonn, im November

Manchmal verfolge ihn eine Wahnvorstellung: Wie sähe es aus, wenn alle, die am 8. Mai 1945 Uniform trugen, wie auch er als Pimpf, in ihrem braunen Gewand im Parlament erschienen? Am Tag nach der Rede Philipp Jenningers, die zu seinem Sturz führte, grübelt Burkhard Hirsch (wie viele andere auch) und fragt sich, was in diesen Stunden geschehen ist.

Sie vergeht nicht, die Vergangenheit. Denn, sagt Hirsch, es sitzen eben auch noch viele derjenigen im Parlament, die damals dabei waren. Was geschehen ist, sei eben nicht nur „im deutschen Namen“ geschehen: „Wir waren es, und wir haben weggesehen, ich auch.“

Nun werde aber gleich nebenan das neue Parlament gebaut. Hoppla, wir sind wieder wer. „Aber wer sind wir eigentlich, und was ist die raison d’état?“ Es geschieht nicht häufig, daß man so zwischen Tür und Angel darauf zu sprechen kommt, wie weit die Republik gediehen ist in 40 Jahren.

Ausgelöst hat das alles Philipp Jenninger mit seiner Rede zum 9. November 1938, die so ganz anders ausfiel als seine „gedachte Rede“, die er zu halten glaubte, aber nicht wirklich hielt. Eine Explosion der Gefühle und Verstörungen: So wie am Tag dieser Rede und an den Tagen danach hat man das Parlament selten erlebt. Aber man wird auch das Gefühl nicht los, daß eine gewisse innere Zwangsläufigkeit zu diesem Abschluß all der Gedenkveranstaltungen führen mußte.