Von Ulrich Schiller

Washington, im November

Die Karriere des einen ist ohne die des anderen kaum vorstellbar. Bush hat Baker in die Politik, Baker hat Bush ins Weiße Haus gebracht. Nun wird James A. Baker III. der nächste Secretary of State sein, und er wird mehr als das Amt eines Außenministers ausfüllen: Seine enge und lange Freundschaft mit George Bush macht ihn „zum mächtigsten Mitglied im Kabinett des neu gewählten Präsidenten“, sieht die Washington Post voraus, und Robert Hormats, ein ehemaliger hoher Außenamtsbeamter, wähnt „den mächtigsten Außenminister seit John Foster Dulles“ im Kommen. Die Los Angeles Times sieht Baker schon in der Rolle eines „zweiten Mannes“; Politikwissenschaftler definierten die Post-Reagan-Ära in einer Talk-Show gar als Baker/Bush-Präsidentschaft.

So hoch sind die Erwartungen an Baker geschraubt, so überwältigend scheinen seine Empfehlungen und so makellos sein Image, daß die amerikanische Presse den künftigen Außenminister nahezu unisono mit Vorschußlorbeeren im Superlativ überschüttet. Dazu hat Bakers kunstvoller Umgang mit der Presse nicht wenig beigetragen. Die Topjournalisten im Umkreis des Weißen Hauses kennt und nennt er mit Vornamen. Einigen von ihnen hat er besonders pflegliche Behandlung angedeihen lassen. Er ist freundlich, zeigt Humor, gibt sich bescheiden und hat, soweit man weiß, nie einen Reporter auf die falsche Fährte gesetzt. Das zahlt sich jetzt aus. Selbst die kritische New York Times feierte Baker kürzlich als den „einflußreichsten Finanzminister, soweit die Erinnerung reicht, zu Hause wie auch auf der Bühne der Weltwirtschaft“. Als James Baker im August das Finanzministerium abgab, um Bushs Wahlkampfmanager und -Stratege zu werden, da tat er es mit dem sicheren Instinkt für die Siegeschancen eines Reagan-Erben wie für die eigenen Karrierechancen um eine weitere Windung nach oben. „Er beherrscht den zynischen Trick, sich mit dem Erfolg zu identifizieren, sich von Schnitzern aber zu distanzieren“, ist in einem ausnehmend kritischen Baker-Porträt in New Republic zu lesen. Ein Genie im Labyrinth amerikanischer Politik? Ein Wunderkind im Treibhaus Washington?

James Addison Baker III. hatte das Glück, 1930 in Houston/Texas bereits als Millionär zur Welt zu kommen. Der Urgroßvater war Mitbegründer der texanischen Anwaltsfirma Baker & Botts, die heute zu den größten des Landes zählt. Baker absolvierte, wie sich das gehört, eine Eliteuniversität, Princeton. Er hat dort nicht nur Bildung eingesogen, sondern wohl auch jenen Schliff bekommen, der sein Auftreten so „poliert“ erscheinen läßt, fern von texanischen Urbildern, die in Gestalten wie Lyndon B. Johnson oder John Connally amerikanische Politik illustriert haben. Zurück in Houston stieß Baker auf einen Mann, der das Elitebewußtsein von der Yale-Universität bezogen hatte, der sein Nachbar war und sein Freund wurde: George Bush. Baker war nach eigenem Zeugnis bis dahin „unpolitisch“, wenngleich nominell ein konservativer Demokrat. Sein Nachbar, Partner und Rivale beim Tennis, Jagen und Fischen änderte beides: Als sich der Republikaner George Bush 1970 um einen Senatssitz bewarb, aktivierte er James Baker für seinen Wahlkampf – als Therapie, wie Bush befand, denn Baker hatte soeben seine an Krebs erkrankte Frau verloren; das war der Anfang.

Zwar vermochte er seinem Freunde nicht zu einem Wahlsieg zu verhelfen, aber mit Bushs Hilfe kam er auch so nach Washington. 1976 organisierte er den Wahlkampf für Gerald Ford (gegen Carter) – und verlor. 1980 führte er für George Bush den Wahlkampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur (gegen Ronald Reagan) – und verlor wieder. Baker gehörte dennoch zu den Siegern, denn rechtzeitig genug hatte er das Rennen seines Freundes und Gönners gegen den unaufhaltsamen Reagan abgeblasen, und dieser nahm sich Bush zum Vize. Ab 1981 residierte auch James Baker im Weißen Haus, als Stabschef und dritter Mann der „Troika“ (mit Meese und Deaver), die dem neuen Präsidenten eine erfolgreiche, pannenfreie erste Amtszeit ermöglichte, erfolgreich vor allem in der Einstimmung des Kongresses auf die großzügigen Verteidigungsausgaben.

Bakers Wahlkampfengagement gegen Reagan hatte ihn zwar bei den Erzkonservativen in Verruf gebracht. Doch wer an dieser Front gegen ihn aufmarschieren wollte, den schlug Baker mit vorzüglichem Organisationstalent, mit Verhandlungsgeschick auf dem Capitol und auch mit Härte aus dem Felde. Wie gut er als Stabschef des Weißen Hauses war, spiegelt sich während der zweiten Präsidentschaft Reagans im Versagen seines Nachfolgers. Finanzminister Donald Regan hatte Baker Anfang 1985 einen Ämtertausch vorgeschlagen. Sie wurden handelseinig, ohne den Präsidenten zu fragen. Daß es einen Iran-Contra-Skandal nicht gegeben hätte, wenn Baker noch im Weißen Haus gewesen wäre, wird zwar oft behauptet, erscheint aber zweifelhaft, wenn man den hohen Informationsstand des Finanzministers im Zentrum der Macht und seine freundschaftliche Nähe zum Vizepräsidenten in Rechnung stellt.