Von Dietrich Strothmann

So habe ich Jitzhak Ben-Ari noch nie erlebt: Sein Gesicht wie versteinert, seine Gedanken ließen sich nur erraten: Überraschtes Unbegreifen, entsetztes Erstaunen, vielleicht sogar verhaltene Empörung. Israels Botschafter war zum letzten Mal in offizieller Eigenschaft im Bonner Parlament. Er geht in den Ruhestand. Und nun das: Die verharmlosende, beschwichtigende, beschönigende Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag der Pogromnacht von 1938. Ben-Ari als Ehrengast neben dem Bundespräsidenten. Dessen große Rede zum 8. Mai vor drei Jahren an derselben Stelle hatte er eine „Sternstunde“ des Parlaments genannt, einen Beweis deutscher Besinnung und Einkehr. Nun spiegelt sich auch Schmerz auf seinem Gesicht.

In den zurückliegenden Jahren habe ich ihn anders erlebt. Ein Löwe, der lächeln kann. Kinder kennen so einen Löwen aus ihren Büchern. Jitzhak Ben-Ari, der sich vor bald fünfzig Jahren den hebräischen Namen für „Löwe“ (Ari) gegeben hat, wäre durchaus zuzutrauen, daß er selber auch Geschichten für Kinder schreiben könnte. Er kann erzählen, auch fröhlich sein, er hat viel Verständnis. Vor allem: er mag Menschen, junge besonders.

Bevor Ben-Ari Botschafter seines Staates wurde, war er Polizist, Soldat, Student, Sekretär bei zwei Ministerpräsidenten, Gesandter. Er war immer im Dienst, spielte „nie Golf oder Tennis“. Zeit für sich selber hatte er kaum. Auf die Idee etwa, Kindern ein Buch zu schreiben, wäre er wohl nie gekommen. Die Muße hätte ihm gefehlt.

Das Lächeln liegt ihm, als wäre es ihm angeboren. Auch wenn ihm ernst zumute war – und er hatte oft Grund dazu in den über sieben Jahren in Bonn – ‚ konnte er selten vermeiden, daß sich jeder im Stillen sagte: Gleich wird er wieder lächeln. Richtig böse, grimmig gar läßt er sich nicht vorstellen. Und war er es doch einmal, kam es einem beinahe so vor, als müßte er sich anstrengen, richtig ärgerlich zu sein. Natürlich, ein Wiener von Herkunft und Geblüt, wird es heißen. Der ist von Natur aus einfach charmant, freundlich, liebenswert. Der kann im Grunde gar nicht anders. Es gibt genug Wiener, die auch anders sind, anders können.

Auch Jitzhak Ben-Ari, der vorher Erwin Rindner hieß, kennt sie, lernte sie kennen damals, am Tag nach der Nacht des 9. November 1938 zum Beispiel, als die Synagogen brannten, Geschäfte und Wohnungen verwüstet, Menschen geschlagen und gedemütigt wurden. Er hat es bis heute nicht vergessen, nicht vergessen können: gerade die böse Niedertracht nicht, mit der junge SA-Raudis alte Juden verhöhnten und quälten, sie erniedrigten. Er war an jenem schlimmen Tag durch die Wiener Innenstadt gegangen, zur Tarnung wie ein Hitlerjunge angezogen, mit Lederhose, weißen Strumpfstutzen und einfarbig-dunklem Hemd. Er wollte noch einmal seine Schule in der Leopoldstraße sehen. Sein Vater war schon in Dachau, seine Mutter wartete auf das Ausreisevisum, das er dann als einziger der Familie wenig später bekam. Ein Jahr nach dem Pogrom verließ er, gerade fünfzehn Jahre alt, ohne seine Eltern Wien in Richtung Palästina. Sein Vater und seine Mutter entkamen erst später nach England.

Jitzhak Ben-Ari sitzt in dem großen Empfangsraum in seiner Bad Godesberger Dienstvilla am Rhein. Er hat sich zurückgezogen. Ein paar Gäste, Freunde stehen noch herum. Sein Abschiedsabend geht zu Ende. Und er erinnert sich: „Die Deutschen waren pedantische Nazis, aber faule Antisemiten. Die Österreicher dagegen waren faule Nazis, doch pedantische Antisemiten.“ Und weiter: Auf der Eisenbahnfahrt 1939 nach Triest, von wo das Auswandererschiff nach Haifa ablegte, waren erst SA-Männer zur Bewachung dabei. Die konnten einem schon Angst und Schrecken einjagen. Hinter der Grenze übernahmen Italiener den Zug. Einer sagte den Jungen, sie sollten nicht bange sein. Er machte seinen Patronengurt auf. Es waren keine Gewehrkugeln drin, nur Schokolade und Zigaretten.