Von Sylvia Bovenschen

Manche Bücher finden erst im zweiten Anlauf die Beachtung, die ihnen gebührt. So ist es Anna Maria Orteses Erzählung „Iguana“ ergangen, die nach einer Vernachlässigung von mehr als zwanzig Jahren 1986 im italienischen Verlag Adelphi neu aufgelegt und sodann begeistert von der Kritik aufgenommen wurde. Jetzt gibt es auch eine deutsche Übersetzung. Als das Buch Mitte der sechziger Jahre erschien, blieb es fast unbemerkt. Es lag nicht im Trend. Anna Maria Ortese wird sich darüber nicht gewundert haben. In kluger Voraussicht antizipiert sie in ihrem „romantischen Märchen“ die kommerziellen Mechanismen und geschmacklichen Optionen jenes Literaturmarktes, dem „Iguana“ vorübergehend zum Opfer fallen sollte.

Die Hauptfigur der Erzählung, ein Graf aus der Lombardei namens Aleardo, ein junger Architekt, unterhält sich mit seinem Freund, einem Verleger der Nouvelle vague, bei einem Spaziergang durch Mailands Via Manzoni über moderne Literatur. Der Verleger bittet den Grafen, ihm doch von seinen Reisen ein möglichst „ursprüngliches, vielleicht sogar abartiges“ Stück Literatur mitzubringen, das geeignet wäre, den etwas „flauen Appetit des Publikums anzuregen“. „Am besten“, antwortet der Graf, „die Konfession irgendeines Verrückten, der womöglich in ein Leguanweibchen verliebt ist“. Aber der Verleger übergeht diesen scherzhaften Vorschlag, er wünscht sich vielmehr ein Gedicht, „in dem Auflehnung des Unterdrückten zum Ausdruck kommt“.

Da sich aber die Einbildungskraft nicht immer an die Bedarfskalkulationen des Literaturbetriebes binden läßt, schickt Anna Maria Ortese den freundlichen Lombarden doch auf seine Reise, läßt ihn zu einer außergewöhnlichen Insel gelangen, die von wenigen außergewöhnlichen Menschen und einem Leguanweibchen bewohnt wird.

Der Graf verliebt sich in das Leguanweibchen, ein armes Geschöpf, das auf der Insel als Dienstmagd mißbraucht zu werden scheint. Er muß schmerzhaft erkennen, daß jeder seiner Schritte zu dessen Rettung, jeder seiner Versuche, ihm Hilfe zu leisten und auch noch seine zärtlichen Gedanken in der Gefahr stehen, jenen Prozeß der Zerstörung und Heillosigkeit voranzutreiben, von dem die geheimnisvolle Insel und ihre geheimnisvollen Bewohner zusammen mit dem Haus, dem Licht, dem Himmel, dem Brunnen und selbst noch den blanken Steinen Zeugnis geben. Der Graf hat fremdes Territorium betreten, auf dem die Horizonte verschwimmen, ein Territorium, auf dem die Dinge sich permanent neu und anders ordnen, ein Territorium, auf dem sich die Fluchtlinien unter den Blicken unaufhörlich verschieben, auf dem die gewohnten und für gültig erachteten Maßstäbe des Erkennens und Bewertens versagen.

Das Buch handelt unter anderem von der grenzenlosen Einsamkeit und der haltlosen Angst, mit der die Kreaturen auf diesem Territorium einander fremd gegenüberstehen. Und obwohl sich die alte Schuld des Menschen, des einzigen Wesens, das, wie Anna Maria Ortese in einem Gespräch einmal sagte, aus Gier und Lust quält, im Vergleich zur Unschuld des Tieres schemenhaft noch ausmachen läßt, verwischen sich schließlich, was den Lombarden und die Echse betrifft, auch diese Grenzen im Zusammenprall ihres jeweiligen Leidens.

Kann man ein witziges Buch über das Grauen schreiben? Anna Maria Ortese hat es gekonnt, ein Buch, das traurig, aber niemals sentimental, das witzig, aber niemals das ist, was man hierzulande humorvoll nennt. Es gibt darin kein Zeichen für eine Versöhnung, für eine Rettung, für ein späteres Behagen, für eine zukünftige Harmonie. Aber die Autorin macht daraus keinen Kult, sie zelebriert nicht die Perspektivlosigkeit, sie macht aus der Trauer kein Programm – auch kein sprachästhetisches.