Konstanz

Die Anna sei faul gewesen. Wenn sie ein paar Socken flicken sollte, habe sie sechs Wochen dafür gebraucht. Auch beim Hausputz sei sie nicht zu gebrauchen gewesen. Sie habe ständig Wasser gelassen und ihre kotverschmierten Hände an der Bettwäsche, an den Vorhängen, am Tischtuch abgewischt.

Noch heute, vor den drei Berufsrichtern und den beiden Schöffen, kann es die Angeklagte nicht fassen, "daß eine Frau sich hinsetzt und nix tut, einfach nix tut". Dabei habe die Anna es doch so gut gehabt in ihrem, der Angeklagten Haus, unter ihrer und ihrer Schwester Obhut. "Ich hat’s so gut bei Euch, niemand ist so gut zu mir", habe die Anna immer gesagt, wenn die Angeklagte, was jeden Tag vorgekommen sein soll, sie wieder aufgefordert hatte, sie solle endlich gehen.

Immer habe Anna das Haus anzünden wollen, und mehrfach habe sie die Angeklagte "die Kellertreppe runtergeschmissen". Und wenn man sie mal kritisierte, wo sie doch so faul war und alles verdreckte, da "hat sie uns ausgelacht". – "Es war die Hölle", ruft die 74jährige Magdalena Maria Kohler vor der Vierten Strafkammer des Landgerichts Koblenz aus. Dort ist sie "wegen Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge" angeklagt; ihr Opfer: die 66jährige Anna Wermuthäuser. In der Nacht vom 6. auf den 7. Februar stellte der Notarzt ihren Tod fest – verursacht durch "massive Schläge".

Das höllische Leben

Anklage war deswegen nicht nur gegen Magdalena Kohler erhoben worden, sondern auch gegen ihre Schwester Hildegard Roller. Sie verstarb allerdings, 71jährig, im Sommer an den Folgen eines Schlaganfalls. Zuvor hatte sie Polizeibeamten und Richtern noch detaillierte Angaben über das höllische Leben in dem geräumigen Haus in der Erzberger Straße 23 in Singen gemacht, das Magdalena Kohler von ihrem Vater geerbt hatte. Und so steht diese, seit voriger Woche und voraussichtlich noch bis zum 1. Dezember, vor dem zuständigen Landgericht in Konstanz am Bodensee; elf Verhandlungstage sind angesetzt, sechs Sachverständige und 29 Zeugen geladen.

Dreißig Journalisten, Photographen und Kameraleute signalisieren, daß es hier nicht nur um ein in Haß und Tod geendetes Zusammenleben geht. Der Fall hat seinen besonderen Reiz darin, daß er in der Vorberichterstattung durch Bild am Sonntag und dpa, stern und Spiegel in der Rubrik "Exorzismus" abgehandelt wurde.