Von Tilman Spengler

Verstehst du, was mich an dieser Aufgabe so fesselt“, fragt die Wahlkampfhelferin und streicht mit dem Ringfinger über den Rand des beschlagenen Weinglases, „hier wird Geschichte geschrieben, und ich bin dabei.“ Ihre blaßlila Nägel graben sich in das Kristallschälchen. Sie hebt eine Paranuß zwischen die kardinalsroten Lippen, läßt die Nuß ein paarmal vor und zurück gleiten, bevor die Schneidezähne sich geräuschlos schließen. „Ich habe unbezahlten Urlaub genommen für diesen Job, verstehst du, obwohl, auch sonst hab’ ich es dauernd mit Geschichte live zu tun. In unserem Büro vertreten wir die verschiedensten Kunden: eine japanische Computerfirma, die hier Schwierigkeiten hat, eine afrikanische Regierung, die um ihr Image besorgt ist...‚ aber jetzt geht es um den Präsidenten der Vereinigten Staaten.“ Der seidene Träger ihres Unterrocks hat sich unter die Perlenkette geschoben, eine langsame Geste schiebt ihn wieder unter die Bluse. „Geschichte“, wiederholt die Wahlkampfhelferin und betont jede der drei Silben gleich stark. „Und Macht“, fügt sie hinzu, während ich den nächsten Wein ordere. Wie auf Verabredung friert das Bild auf dem Fernsehschirm über der Bar ein: Wo zuvor Behelmte um den Besitz eines eiförmigen Balles aufeinanderprallten, läuft jetzt ein blonder Däumling über eine Wiese, torkelt tolpatschig in die Arme des Vizepräsidenten der USA. „George Bush wird Geschichte schreiben“, sagt die Helferin, „schon weil er hier ist. In Washington. Im Zentrum.“

An diesem Sonntag vor der Wahl ist George Bush nicht in Washington. In seinem Büro im Weißen Haus ist er nur durch seine Porträts vertreten. Die Porträts – schweinchenfarbene Großphotographien – bedecken viel Fläche im Ostflügel der Residenz seines Herrn. Sollte George Bush vor dem Wahlergebnis von einer Identitätskrise gepackt werden, braucht er nur durch die Korri-’ dore der Macht zu schreiten. Hier gibt es ihn eindeutig, vielfarbig und überall.

Am Montag kann sich der Himmel nicht für ein eindeutiges Wetter entscheiden. Die drei Schwarzen, die ihr Heim über dem warmen Luftschacht der Untergrundbahn errichtet haben, bestreiten einander das Recht auf die paar Quadratmeter auf dem eisernen Rost. „Ich war hier schon gewesen, als Kennedy zu Grabe gezogen wurde“, kreischt der Alte mit dem silbergrauen Bart und der Zipfelmütze. „Nein“, sagt der im wattierten Skianzug, „ich hab’ hier schon kampiert, um Theodore Roosevelt meinen Respekt zu zollen.“ „Und ich“, schreit der dritte und schwenkt eine braune Papiertüte, „ich habe von hier aus Nixon angespuckt.“ Sie lachen heiser und zu laut, als hätten sie die Scherze schon immer gemacht und bleiben unversöhnlich, zuviel Geschichte ist an ihnen ertraglos vorbeigegangen.

Nur wenige Kilometer weiter, vor dem Capitol, wird heute für die Sache der Obdachlosen demonstriert. Für Liebhaber von Demonstrationen eher eine kärgliche Affäre, die Hauptstadt hat schon Grandioseres erlebt, die Medien haben es auch. Immerhin wird fast ein Fünftel der zweitausend Protestler in Polizeigewahrsam genommen. Ein wenig Geknüppel, ein paar schrille Schreie, hier und da tritt die Staatsmacht in Schienbeine, zerrt an Haaren. Doch die meisten der prominenten Unruhestifter sind bekannte Gesichter, verbraucht für die Fernsehredakteure, „Schnarchnummern“, wie es einer der Kameraleute nennt. Daß es trotzdem zu Sendeminuten im Abendprogramm reicht, verdankt die Veranstaltung dem Kurzauftritt der Sängerin Cher, die ihren Zuhörern zuruft, daß „das Schicksal der Obdachlosen sehr ernst ist“. Dafür erhält sie viel Beifall, auch von denen, die wissen, daß sie jetzt die Veranstaltung verlassen muß, um in einer Ladenkette für ihr Parfüm zu werben. „Wie ihr wißt, habe ich auch noch einen Beruf“, sagt sie entschuldigend. Die Nachricht, daß Reagan ein Gesetz unterzeichnet hat, das 1,3 Milliarden Dollar für Bedürftige bereitstellt, erreicht sowohl Bedürftige wie Protestierer zu spät.

„Ich würd’ gern wissen“, sagt einer der zwirngrauen Zweireiher am Straßenrand, der dem Demonstrationszug hinterherblickt, „ich würd’ wirklich gern wissen, wieviel eingetragene Kommunisten gerade an mir vorbeimarschiert sind.“ „Mehr als du für möglich hältst“, sagt sein Nachbar, dessen Gesicht nahtlos in seine Krawatte übergeht, „aber deren Epoche ist nun endgültig abgelaufen.“

Es ist jetzt höchste Zeit, um sich im Washington Hilton die Platzkarten für die Wahlnacht zu sichern. Für die Wahlnacht der Republikaner selbstverständlich, die Demokraten haben rechtzeitig signalisiert, daß von einer Wahlnacht in ihren Reihen eher Trübsinn zu erwarten ist. Und sollten sie ausgelassen sein, dann eher in Boston als in Washington. Vielleicht auch in New York. Aber auch dort erst später, erst wenn die erwarteten positiven Ergebnisse für Kongreß und Senat einigermaßen verbürgt sind.