Von Susanne Mayer

Sie spricht mit der eisernen Freundlichkeit einer geduldigen Lehrerin: "Die deutsche Öffentlichkeit", formuliert Scilla Elworthy präzise, "ist sich nicht darüber im klaren, worum es geht. Was die Nato gegenwärtig plant, bedeutet mehr atomare Sprengköpfe und möglicherweise Neutronensprengköpfe auf deutschem Boden als es jemals gegeben hat." Eine kleine Pause: "Es werden völlig neue Waffen sein und genauere und zerstörerischere als die alten."

Falls die Modernisierung beschlossen würde – und es sehe so aus, als sei dies nur noch eine Frage des Zeitpunkts – werde sie hinter geschlossenen Türen entschieden. Es sei mehr als zweifelhaft, ob der deutsche Bundestag auch nur informiert werden würde. Wahrscheinlich werde es keine Debatte über die neuen Waffen geben, bevor der deutsche Verteidigungsminister sich gegenüber der Nato verpflichtet habe. "Deswegen", sagt Scilla Elworthy und lehnt sich mit jenem aufmunternden Lächeln zurück, mit dem sie viele ihrer schrecklichen Wahrheiten beschließt, "deswegen ist das Hamburger Treffen der Nordatlantischen Versammlung Mitte November von größter Wichtigkeit."

Mehr Waffen trotz Abrüstung also. Die Welt draußen versinkt im Nebel. Aus dem weißen Nichts brummt ein Motor, unaufdringlich, doch näher kommend. Ein Traktor wahrscheinlich, der das Feld bestellt, bevor der Frost kommt. Ein unwirkliches Szenario für diese Unterhaltung über die mögliche Zerstörung der Welt. Eine kleine Farm bei Oxford. Zwei, drei Häuser, geduckt in einer Bodenwelle. Das Tor zu dem einsam liegenden Anwesen wird bewacht von einem König, dessen Krone schon ziemlich verwittert ist – Zeuge einer guten alten Zeit, in der Kriege noch mit Pfeil und Bogen ausgetragen wurden. Hier wohnt der frühere Direktor des Ashmolean Museums von Oxford mit seiner Frau. Sie teilen ihren Raum seit einem guten Jahr mit Scilla und der von ihr gegründeten Oxford Research Group. Neun Leute in vier Zimmern, eine steile Stiege. Hier tragen sie ihre Informationen zusammen über die weltweite Anhäufung der Waffen, über die Leute, die dafür verantwortlich sind und über die verborgene Weise, in der sie ihre Entscheidungen treffen.

"Es geht", erläutert Scilla in ihrer winzigen Kammer unterm Dach, "es geht um vier verschiedene Typen neuer Atomwaffen, mit denen die Nato jene Waffen ersetzen möchte, deren Abzug verhandelt worden ist":

Seegestützte Cruise Missiles und Luft-Boden-Abstandsraketen, die, aus einem Flugzeug abgefeuert, selbständig ihr Ziel (also: Menschen, Gebäude, Waffen) anpeilen. Die Entscheidung über die Stationierung letzterer ist laut Pentagon schon gefallen.

Eine sogenannte Modernisierung der Lance Kurzstreckenwaffen steht an, von denen es 88 Stück in der Bundesrepublik gibt, stationiert beispielsweise in Flensburg, in Wiesbaden, in Gießen und Aschaffenburg, für die aber 690 Sprengköpfe bereitliegen und zusätzlich auf Abruf mindestens 380 Neutronensprengköpfe in den USA. Während die alte Lance nur gut 100 Kilometer weit reicht, soll die neue Waffe ihre Ziele (also: Menschen, Gebäude, Waffen) bis zu 450 Kilometer entfernt zerstören. Für die Entwicklung dieser Waffe hat der amerikanische Kongreß im Budget für 1989 schon sieben Millionen Dollar bereitgestellt, keine schlechte Voraussetzung für eine Stationierung.