Als im Herbst vergangenen Jahres das sowjetische Fernsehen den 90minütigen Dokumentarfilm „Risiko“ ausstrahlte, wurden zwei Tabus gleichzeitig gebrochen: Erstens konnten die Sowjetbürger nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder Nikita Chruschtschow ausführlich auf dem Bildschirm erleben. Und zum zweiten stellte der Film eine inhaltliche Parallele der Chruschtschow-Ära zur Perestrojka unter Gorbatschow her.

Vor der Uno hatte Chruschtschow 1959 – erstmals in diesem Jahrhundert, wie der Kommentator sagt – zur Abrüstung aufgerufen. Mit angespannter Stimme war er vor das internationale Publikum in New York getreten und hatte einen Vorschlag gewagt, den erst 1986 Michail Gorbatschow wieder aufgriff und weiterdachte: die Vernichtung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000. Nicht zufällig hatte Dokumentarfilmer Dimitrij Barschewskij Chruschtschow im O-Ton sprechen lassen: „Im Laufe von vier Jahren sollten alle Staaten eine vollständige Abrüstung durchführen, damit sie über keine Mittel der Kriegsführung mehr verfügten... Laßt uns vollständig abrüsten, laßt uns lieber darin wetteifern, wer für sein Volk mehr Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser baut, wer mehr Brot, Milch, Fleisch, Kleidung und andere Konsumgüter herstellt.“

Dieser Film bedeutet in der öffentlichen Auseinandersetzung um Chruschtschow zwar nicht dessen Rehabilitierung. Er leitet aber zu einer engagierten Diskussion über, die heute auf den Seiten der Zeitschriften und Zeitungen – allen voran Ogonjok – fortgesetzt wird. Die Enttabuisierung der weißen Flecken in der sowjetischen Geschichte führt über die Stalinzeit zwangsläufig zu dem Mann, der als erster den Personenkult um Stalin angeprangert und die Stalin-Opfer namentlich genannt hat. Der streitbare Historiker Jurij Afanasjew machte als einer der ersten in der Zeitung Sowjetskaja Kultura auf die Parallele Chruschtschow – Gorbatschow aufmerksam.

In einem Interview vom vergangenen Frühjahr erinnert er an eine Filmszene: Da schreitet der junge Gagarin nach seinem ersten Weltraumflug über einen langen roten Teppich auf ein Podium zu. „Man möchte gern wissen“, so Afanasjew, „wem er da Meldung erstatten und wer ihn durch Handschlag begrüßen wird. Die jungen Leute wissen es nicht, die älteren wechseln, vielsagende Blicke. War es nun notwendig, Chruschtschow herauszuschneiden? Wie lange wollen wir so tun, als habe es ihn überhaupt nicht gegeben? Wie lange wollen wir Gagarin noch zwingen, irgendwohin in die Ferne, aus der Leere in die Leere zu schreiten?“

Seit der Ausstrahlung von „Risiko“ ist Chruschtschow wieder sichtbar: Mit einer begeisterten Umarmung küßt er Gagarin rechts und links, wiederholt und heftig. Und schließlich erleben die Zuschauer einen Chruschtschow, der über den Weltraumerfolg vor Rührung weint und sich die Tränen mit einem Taschentuch trocknet. Als Gorbatschow in seiner Rede zum 70. Jahrestag der Revolution im vergangenen Jahr über die Zeit nach Stalin urteilte, wußte jeder, an wen er dachte:

„Man begann, der Entwicklung der Landwirtschaft, dem Wohnungsbau, der Leichtindustrie, der Konsumsphäre und all dem, was mit der Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen zusammenhängt, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Mit einem Wort, es vollzogen sich Wandlungen zum Besseren – sowohl in der sowjetischen Gesellschaft als auch in den internationalen Beziehungen.“ Mit seiner Erklärung, woran die Reformen unter Chruschtschow gescheitert sind, verblüffte Gorbatschow gar die Eingeweihten. Die Hauptursache sah er darin, „daß sie sich nicht auf eine breite Entfaltung von Demokratisierungsprozessen stützten“.

Nur einen Monat später publizierte die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti ein Gespräch mit dem 88jährigen Drehbuchautor Jewgenij Gabrilowitsch, der Chruschtschow als einen außerordentlich interessanten Menschen für die künstlerische Aufarbeitung bezeichnet. Chruschtschow habe „Millionen Gefangener befreit, während das Volk ihm seine Mais-Ideen nicht vergeben kann“.