An einem Apriltag des Jahres 1945 versuchten zwei 14jährige Hitlerjungen in einem norddeutschen Dorf etwas Schreckliches zu verarbeiten, was sie soeben von einer Augenzeugin vernommen hatten: den Massenmord der SS an den Juden. Sie trösteten sich rasch über ihr Unbehagen hinweg: „Nun ja, die Juden haben auch Christus ans Kreuz geschlagen!“ Philipp Jenninger war damals fast 13 Jahre alt. Er hat später erfahren, wie der deutsche Nachkriegsbürger die Judenverfolgung beurteilte. Nämlich so, wie es der Bundestagspräsident – in rhetorische Fragen gekleidet – darlegte.

Ja, er hat recht: Alles war schon vor Hitler da; der Sozialdarwinismus, okkulte Rassenlehren, Neidkomplexe, Minderwertigkeitsgefühle, Abneigung (auch bei assimilierten deutschen Juden) gegen die jiddisch sprechenden Ostjuden. Hitler hatte die inhumanen Parolen des christsozial-alldeutsch gewandeten Antisemitismus im Habsburgerreich wie ein Schwamm in sich aufgesogen. Was bei Jenninger zu kurz kommt: Hitler benutzte den Antisemitismus als massenpsychologisches Vehikel, damit er seine politischen Gegner von links bis rechts mit einem Rundumschlag erledigen konnte. Und er bramarbasierte nicht nur: Er ließ morden mit der ganzen Perfektion der deutschen Todesmaschinerie.

Die falschen Prügel bezieht Jenninger für seinen Satz vom „Faszinosum“ Hitler. Jenninger wiederholt da nur, was Joachim Fest in seiner Hitler-Biographie und Sebastian Haffner in seinen klugen „Anmerkungen zu Hitler“ analysiert haben. Fest sieht in Hitler „ein Element historischer Größe“; Haffner verwendet allein zwei Fünftel seines Textes auf die „Leistungen“ und “Erfolge“ des Diktators. Wer Jenninger vorwirft, er könne den Rassenwahn der Nazis nicht aus einer „distanzierten“ Rückschau betrachten, sollte einmal nachlesen, wie sein Mentor Haffner damit umgeht: „So schwer es fällt, diesen mörderischen Unsinn unkritisiert wiederzugeben, wir stellen dar.“ Nichts anderes hatte Jenninger im Sinn.

Trauriger als das formale Mißlingen seiner moralischen Rede ist Jenningers vermeintliche Erkenntnis danach, daß man in Deutschland nicht alles sagen dürfe. Im Gegenteil: Man darf es, und deshalb hat seine Rede mit ihren Ecken und Kanten die Menschen viel mehr aufgeregt, viel mehr aufgewühlt als die geschliffene Rede Richard von Weizsäckers im Mai 1985. Und so sagt Jenninger „entsetzliche Wahrheiten“, wie man sie bisher im Bundestag nur selten gehört hat daß Rußlandfeldzug und Judenmord unlösbat miteinander verbunden waren; daß eine über Jahrhunderte gewachsene Judenfeindschaft den Nährboden für das Verbrechen bereitete; daß die Umsiedlung der Juden nach Madagaskar vermutlich die Zustimmung der Bevölkerung gefunden hätte; daß jedermann von den Nürnberger Gesetzen wußte; daß alle die Untaten am 9./10. November 1938 sehen konnten; daß die Deportationen der Juden öffentlich vor sich gingen; und daß die Massenmorde im Rücken der Ostfront nicht nur in der Wehrmacht, sondern auch in der Heimat besprochen wurden.

Jenninger hat nicht, wie es ihm aus aller Welt entgegentönt, die historische Wahrheit angezweifelt. Etliche Kritiker nehmen schon die Anfangssätze der Rede – „Juden in Deutschland“, abgehoben von den „Deutschen“ – als Beweis für das klammheimliche, antisemitische Denkmuster Jenningers. Offenbar wird lediglich unser Unvermögen, die Identität der Juden und unser Verhältnis zu ihnen nach all dem Geschehenen in Worte zu fassen. Die Berliner Professorin Gesine Schwan gab allen, die diese Rede lesen, den Rat, so genau wie möglich hinzuhören, was Jenninger uns wirklich habe sagen wollen. Vielleicht das, was wir selber meinen?

Karl-Heinz Janßen