Von Erhard Hobert

Dum Dum, internationaler Airport Kalkutta. Hier wurden, bis zu ihrem Verbot durch die Haager Konvention, die berüchtigten Halbmantel-Schockgeschosse hergestellt. Suggestion der Flughafennamen: Charles de Gaulle, Leonardo da Vinci... Dum Dum! Aggressive Symbolik als Auftakt zu einer Eskalation schockierender Eindrücke in einer faszinierenden Stadt.

Auf dem Vorplatz tobt der Kampf der Taxifahrer um die wenigen Passagiere. Die Hektik der Szene vermittelt einen ersten Begriff vom Temperament der Bengalen.

Und dann erscheint sie, die berühmteste und berüchtigste Bewohnerin der Stadt. Neben dem Fahrer thronend, streckt sie dem Besucher aus blauschwarzem Gesicht die blutrote Zunge entgegen, eine Girlande von Schädeln schlingt sich um ihren Nacken: Kali!, die Namenspatronin und Schutzgöttin Kalkuttas, schrecklich und anmutig, grausam und gütig zugleich, symbolträchtige Inkarnation der Stadt und des Landes.

Vom Flughafen führt die VIP-Road (Ironie der Stadtplaner?) ins Zentrum. Fäkalgeruch schlägt dem Reisenden entgegen, hängt als atemraubendes Pestilenzkonzentrat über der Fahrbahn. Die ersten Slums tauchen auf: leprazerfressene Hütten am Rande einer riesigen Abfallhalde, Erdwälle mit braunen, zerfetzten Jutesäcken bedeckt; dazwischen graue, lemurenhafte Gestalten, in den Müllbergen wühlend. Mimikry des Elends! Bilder, die sich einbrennen.

Nein, dies ist nur eine, die impressionistische prima-vista-Perspektive der Wirklichkeit. Will man die indische Realität aushalten, muß man – auf die Gefahr hin, des objektiven Zynismus geziehen zu werden – die altera vista, die Technik des zweiten, reflektierenden Blickes, entwickeln, die Fähigkeit, wie beim Anblick der vielgesichtigen indischen Götter, hinter dem Grausamen die objektive, dedramatisierte Seite des Geschehens zu erkennen. So gesehen spiegelt die Müllhaldenszene einen Aspekt der Slumökonomie: den Zwang zum totalen Recycling. Was vordergründig als spontaner Überlebensversuch erscheint, stellt sich in Wirklichkeit als Teil einer sluminternen Organisation dar, in der die Abfallareale, ökonomisch gesehen, als Arbeitsplätze von Arbeitslosen fungieren. Die Claims auf den Müllhalden sind abgesteckt. Die „Schürfrechte“ je nach Qualität des Platzes an bestimmte „Grabungsteams“ vergeben. Spezialtransporte aus recycling-trächtigen Betrieben werden durch Mittelsmänner signalisiert. Ein Netz von Zwischenhändlern, Privilegierte unter den Armen, sorgt für den Absatz.

Bei jedem Ampelstopp stürzt sich ein Schwann zerlumpter und erbarmungswürdiger Gestalten auf die haltenden Fahrzeuge. Längst sind viele Kreuzungen der Innenstadt zu Mautstellen des gezielten Almosenheischens geworden. Die Lichtzeichen regeln den Verkehrsstrom und den Ansturm der Bettelnden. Die Rotphase signalisiert Grün für die stets einsatzbereiten und vor allem auf Taxikunden spezialisierten Bettlerpulks. Gekrümmte Hände greifen ins Wageninnere, Kinder mit unwiderstehlichem Leidensblick pressen ihre Gesichter, andere ihre verstümmelten Finger gegen die Scheiben. Eine Frau im zerschlissenen Sari, ein winziges Baby im Arm, führt wimmernd mit mechanischer Geste die Hand zum Mund. Flehende Hände, flehende Stimmen, indischer Alltag.