Von Hansjakob Stehle

Die Träne, die er sich unter dem altertümlichen schwarzen Doktorhut schnell aus den Augen wischte, war nicht nur Zeichen von Rührung. Sie gehörte zu dem schüchtern-melancholischen und doch irgendwie auch selbstgewissen Lächeln eines Gesichts, das auch damals, vor zwei Jahrzehnten, als es auf begeisterte Massen blickte, schon dem eines weisen Clowns ähnlich war. Ist dieser tschechoslowakische Kommunist Alexander Dubček, den Europas älteste Universität in Bologna vergangenen Sonntag mit akademischen Ehren bedachte, nun als wiedererstandener Prophet einer frühen östlichen Perestrojka ins westliche Rampenlicht getreten? Oder doch nur als lebendiges Menetekel ihrer begrenzten Möglichkeiten, ja ihres Scheiterns?

Beides lag in der Luft, als der 67jährige verfemte, politisch freilich nur scheintote Parteichef des „Prager Frühlings“ von 1968 jetzt zum ersten Mal als „Privatmann“ die Grenze seines Landes überschreiten durfte. Er fühlte sich ermutigt von der Einladung nach Italien, das Land seiner – wie er höflich wissen ließ – langen, wenn auch platonischen Liebe; bedrückt aber auch von der Befürchtung, daß ihm seine alten Widersacher in Prag den Reisepaß nur zugestanden haben könnten, um ihn nicht mehr zurückkehren zu lassen – gerade jetzt, da sie sich nicht scheuten, namhafte Bürgerrechtler vor den Augen ausländischer Gäste eines KSZE-Symposiums festzunehmen. Oder sollte heimlichen Perestrojka-Bewunderern unter den Prager Funktionären daran gelegen sein, mit der Reise eines so arglosen, durch manche alte Freundschaften mit Moskau verbundenen Politikers wie Dubček Notsignale zu geben, die sich nur vom Westen aus seriös Gehör verschaffen können?

Immerhin war die Autofahrt von Preßburg über Wien und Innsbruck nach Bologna – von einem Professor, der Italiens KP nahesteht, diskret organisiert –’für Dubček nicht nur politisch eine späte Entdeckungsreise. Denn außer jener grotesken Episode, als er nach seinem Sturz 1969 für einige Monate Botschafter in Ankara wurde, hatte er niemals ein westliches Land betreten. Mehr als die meisten seiner Genossen, die ihn des Abfalls vom Sowjetsozialismus bezichtigten, ist Dubček seit seiner Kindheit in der „Heimat der Oktoberrevolution“ zu Hause gewesen. Selbst jetzt, als ihn zudringliche Fragen in Bologna aufs antisowjetische Glatteis zu führen drohten, war es nicht etwa Vorsicht, sondern ehrliche Zuneigung, die ihn in Erinnerung schwelgen ließ: Wie er mit seinen Eltern, die kurz vor seiner Geburt 1921 aus den Vereinigten Staaten zurückgewandert waren, in die asiatische Sowjetrepublik Kirgisien übersiedelte und dort 13 Jugendjahre verbrachte. Bis Stalin die romantischen „Entwicklungshelfer“ (wie man heute diese Kommunisten der Interhelpo-Gruppe nennen würde) 1938 in die Tschechoslowakei zurückschickte, so daß sie gerade recht kamen, um beim Kampf gegen die Hitler-Herrschaft doch mit dem roten Rußland verbunden zu bleiben.

Überhaupt hatte und behielt die Sowjetunion nach 1945 in keinem anderen der Länder, die sich Stalin Untertan machte, so viele überzeugte Freunde wie in der ČSSR. Nicht zuletzt darin sah Dub-ček eine sichere Basis und einzigartige Chance zur Systemreform, nachdem er auf der Parteihochschule in Moskau (1955 bis 1958) zwar keine akademischen Würden erhalten, doch Erfahrungen mit Chruschtschows halbherziger Entstalinisierung gemacht hatte. Er wollte den Sozialismus konsequenter umgestalten. War es letztlich also nur ein Mißverständnis, daß sich die Rote Armee 1968 gegen Dubčeks „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ in Marsch setzte?

Im Grunde möchte er das noch immer glauben, auch wenn er sagte: „Wir wissen heute, was möglich ist und was nicht“ und alle scharfe Kritik gegen Prager und andere Betonköpfe aus seiner Rede strich (deren Text freilich schon vorher von übereifrigen italienischen Genossen den Medien zugespielt worden war). Nicht als Politiker, as wahrhaftiger Ehrendoktor trat er in der ehemaligen, zur Universitätsaula „entweihten“ Jesuiterkirche von Bologna auf den Katheder. Weder Marx noch Lenin noch Gorbatschow zitierte er, sondern Kluges von Macchiavelli bis Masaryk, aber auch vom heiligen Franziskus, der Gott um Demut gebeten hatte, um das Unveränderliche zu ertragen, doch auch um Mut, das Wandelbare zu verändern. Demokratische Toleranz – sie hatte schon der bengalische Dichter Tagore gegen Klassenhaß und Rachedurst gepredigt, und zwar, wie Dubček zitierte, in der Moskauer Iswestija vor 58 Jahren ...

Dann aber blitzte doch etwas vom Wetterleuchten der Gegenwart auf. „Es genügt ein großer Aufbruch des Volkes, wie es unsere Erneuerungsbewegung 1968 war, um die geschichtlichen Erwartungen wieder an die Oberfläche zu bringen“, prophezeite Dubček. Es waren seine stärksten Worte in Bologna, und er scheint zu wissen, welche Hoffnungen und Befürchtungen sich daran knüpfen. „Wir hatten damals Illusionen“, so gestand der ehemalige Außenminister Jiři Hajek kurz bevor er letzte Woche festgenommen wurde in einem Interview für den Corriere de la Sera, in dem er zugleich feststellte: „Dubček bleibt ein Symbol, auch für junge Menschen, die ihn nie gesehen haben.“ Etwas von dieser Kraft des Utopischen, die – wie auch immer – Wirklichkeit schafft, hat der Mann aus Preßburg nach Bologna gebracht. Ex oriente lux, flüsterte andächtig ein Student...