Von John Eidinow

LONDON. – Schön kann es nicht sein, an seinem vierzigsten Geburtstag aufzuwachen und zu wissen, daß man noch nie einen richtigen Job hatte und auch nicht weiß, ob man je dazu kommen wird, bevor man über siebzig ist. Am 14. November hat Charles Philip Arthur George, Prinz von Wales und Thronfolger des Vereinigten Königreiches, diesen Meilenstein-Geburtstag erreicht. Und solch dräuende Gedanken mögen ihm beim Aufwachen wohl gekommen sein. Aber sie sind für ihn und die britische Monarchie nicht ohne Gefahr.

Als seine Mutter Elisabeth II. 1966 vierzig wurde, saß sie bereits 14 Jahre lang auf dem Thron und versah auf vorbildliche Weise, wie seither auch, die Aufgaben, die einem modernen britischen Monarchen gestellt sind – sie versah ihre zeremoniellen und Verfassungspflichten und war Symbol staatlicher Kontinuität. Auch einem anderen Erfordernis hat die Königin, wiederum ohne jedes Straucheln, vollauf genügt: Daß der Monarch sich streng von allen Modeströmungen fernhalten soll und sich zumindest öffentlich nie in anstehende politische, wirtschaftliche oder soziale Fragen einschalten darf. Nur für allgemeine und ewige Werte des Gemeinwesens – wie Toleranz, Mitgefühl und Aufrichtigkeit – darf er sich einsetzen.

All das gehört zum Überlebenspäckchen der Monarchie. Aber leider spricht manches dafür, daß Prinz Charles auf der Suche nach dem Sinn des Lebens auch die Anleitung lesen sollte, die dem Päckchen beigefügt ist.

Natürlich stimmt vieles von dem, was der Prinz und seine Gemahlin Prinzessin Diana leisten, genau mit der königlichen Schablone überein und entspricht den Bedürfnissen des Landes voll und ganz. Zu den eindrucksvollsten Symbolbildern der letzten Jahre gehört die Szene, wie Prinzessin Diana ihre bloße Hand in die eines Patienten auf einer AIDS-Station legt. Aber wenn der Prinz sich um die Lage der Jugendlichen in den verwahrlosten Stadtkernen kümmert und versucht, ihnen Arbeitsplätze zu verschaffen, dann werden derartige Unternehmungen zwar allgemein begrüßt, aber manche sehen darin auch eine Attacke gegen den Geist des Thatcherismus. Nun predigt Prinz Charles gewiß nicht Kommunal-Sozialismus; weit entfernt davon, seine Anstrengungen gelten privaten Initiativen. Aber dennoch kann sein Engagement auch als eine Form der Kritik an der britischen Gesellschaft nach neun Jahren konservativer Regierung verstanden werden. Das aber ist vermintes Gelände, und bisher macht der Prinz keine Anstalten, sich daraus zurückzuziehen.

Offenbar hat ihm nichts bisher den persönlichen Einsatz zur Verbesserung der Gesellschaft verschafft, den er so sichtlich wünscht. „Natürlich wäre es viel einfacher, ein ruhiges Leben zu führen“, hat er einmal gesagt. „Man kann nicht einfach herumsitzen und nichts tun“. Einem gewöhnlichen Bürger stünden solche hehren Gefühle wohl an. Aber der Thronerbe ist nun einmal kein gewöhnlicher Bürger.

„Fühlen“ scheint das Schlüsselwort des Prinzen, der sich auf das Leben nach Vierzig vorbereitet. „Der Mensch ist viel, viel mehr als ein mechanischer Gegenstand, der nur darauf aus ist, Geld zu produzieren. Vor allem hat er eine Seele, und diese Seele ist irrational, unergründlich, geheimnisvoll“. Prinz Charles sprach diese Sätze in einem 75minütigen Dokumentarfilm im Fernsehen unter dem Titel „Visionen Großbritanniens“, den er selbst geschrieben hatte und für die BBC moderierte. Manche fragten sich, ob des Prinzen eigene Seele ihn nun in unergründliche Gewässer gezogen hätte. Der Film war eine Fortsetzung seiner ganz persönlichen Kampagne gegen eine moderne Architektur, die nach seiner Meinung menschliche und geistige Werte nicht genügend ausdrückt und deshalb auch nicht in die Landschaft Großbritanniens paßt, über die er einmal herrschen wird. Zugleich war es der Versuch, auf einem Gebiet etwas zu unternehmen, das dem Prinzen besonders am Herzen liegt.