Als Resümee aus dem Debakel, das seine Rede zum 9. November verursacht hat, zog Philipp Jenninger die Erkenntnis, „daß man in Deutschland nicht alles beim Namen nennen kann“. Diese Feststellung ist nun wieder genauso irreführend wie die Rede selbst. Denn logischerweise konnte er dabei doch wohl nur die Aussagen im Sinn haben, die so anstößig waren, daß 50 Abgeordnete zornig den Saal verließen.

Es ging dabei um jene Absätze, in denen Jenninger ohne Vorbehalt die Erfolge Hitlers in bewunderndem Ton aufzählte: „Die Jahre von 1933 bis 1938 sind selbst aus der distanzierten Rückschau und in Kenntnis des Folgenden noch heute ein Faszinosum insofern, als es in der Geschichte kaum eine Parallele zu dem politischen Triumphzug Hitlers während jener ersten Jahre gibt.“ Man weiß nicht, wessen Ansichten sind das: Jenningers – oder die eines Beobachters, der die Meinungen der dreißiger Jahre referiert?

Und weiter: „Was die Juden anging, hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt, die ihnen nicht zukam? Mußten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden?“... Noch einmal: Wer dachte so, wer sagte das?

Da hält der Präsident des Bundestages als Repräsentant des Parlamentes, das seinerseits das ganze Volk repräsentiert, am Tag, da der „Reichskristallnacht“ und damit auch des Holocaust gedacht wird, eine Rede. Aber weder spricht er von dem Leid, das die Überlebenden und Hinterbliebenen empfinden, noch von der nie zu tilgenden Schande, die die Deutschen mit dem planmäßigen Mord an sechs Millionen Juden auf sich geladen haben. Der Redner hielt vielmehr ein deplaciertes pseudohistorisches Kolleg, in dem vor allem von den Deutschen vor und nach 1945 die Rede ist.

Gut, daß er wenigstens den erschütternden Bericht eines Augenzeugen von 1942 zitierte und eine Ansprache Himmlers im Oktober 1943, die einem heute noch Schauer über den Rücken jagt. Wenigstens dies war zur Sache gesprochen und gab eine Ahnung von dem, was nach dem 9. November kam.

Gar nicht zu fassen, wie ein Politiker so total danebengreifen kann. Es ist, als ob ein Pastor am Karfreitag versehentlich die Predigt zum Erntedankfest hält; oder so, als würde in einem Haus, in dem um ermordete Familienmitglieder getrauert wird, ein Exkurs über den geschichtlichen Prozeß gehalten, anstatt Verzweiflung und Trauer der Anwesenden zu teilen.

Jenninger wirkte als Redner gänzlich unbeteiligt und ohne jede Wärme. Er vermittelte keinerlei Empfindung. Da nützt es denn auch nichts, daß die Rede im Nachlesen weniger Emotionen auslöst. Es bleibt die Frage: Wie kann ein Politiker, der doch weiß, wie heikel dieses Thema ist, so bar jeden menschlichen Gefühls reden? Und noch eins: Wenn Philipp Jenninger sagt, 1938 hätten die meisten Deutschen in Hitler den größten Staatsmann ihrer Geschichte gesehen, vergißt er, daß der Widerstand gegen Hitler sich sehr früh formierte.