War das nun wirklich, wie Willy Brandt nach der Jenninger-Rede sagte, „ein dunkler Tag in der deutschen Nachkriegsgeschichte“ Was für helle Tage stellen sich die zum Empfang feierlicher Reden angetretenen Politiker eigentlich beim Gedenken an die jüngste deutsche Geschichte vor?

Gewiß, da hat der Bundestagspräsident eine Rede gehalten, die formal zu wünschen übrig läßt. Da war nicht alles so elegant, nicht so poliert und wohlvorbereitet, wie die Protokollchefs es sich für Weihestunden wünschen, die dann alle mit dem angenehmen Gefühl gemeinsamer, folgenloser Trauer entlassen.

Unbeholfen hat Jenninger geredet, aber unehrlich? Eben nicht. Da findet sich in dem langen Text – so viele seiner schnellen Kritiker haben ihn wohl nur in Auszügen mitbekommen – kein Wort der Beschönigung für deutsche Schuld, kein Weg-Erklären des Schrecklichen, dem ein ganzes Volk zusah. Da wurde eben nicht versucht, die Ächtung der Juden – die erst zur Verteufelung, dann zu Drangsalierung, zu Verfolgung, schließlich zum Massenmord führte – nur den Nazi-Verbrechern anzulasten, verbunden mit vagen Beschwörungen, wir alle seien schuldig geworden.

„Die Schuld“, schrieb der Schriftsteller Lothar Baier vor rund einem Jahr in der ZEIT, „ist zu etwas geworden, was die Weiterlebenden gern auf sich nehmen, weil es sie nicht niederdrückt, sondern weil es sie erhebt.“ Hätte Jenninger das vollbracht, wären jetzt alle des Lobes voll, und er säße weiter auf dem Präsidentenstuhl des Bundestages. Statt dessen hat er die Schuld der Deutschen vorgeführt, hat nicht weg-erklärt, sondern uns die häßliche Fratze all jener gezeigt, die stillhielten, als Mitbürger zu Nicht-Menschen gestempelt wurden.

Gewiß, es gab Ausnahmen, tapfere Männer und Frauen, auf die Jenninger nicht zu sprechen kam. Das wäre, weil entlastend, einfach gewesen. Aber die harte Tatsache bleibt: Die meisten sahen zu, sie ließen geschehen. Sie empfanden nicht mehr das elementare menschliche Gefühl bei jeder brutalen Gewaltanwendung gegen Unschuldige – die Empörung. Bei aller Ungelenkheit der Worte, bei allen unrhetorisch vorgetragenen rhetorischen Fragen, hat Jenninger sich mit diesem, für die Nachgeborenen schrecklichsten Problem deutscher Geschichte auseinandergesetzt. Verbrecher kann man isolieren, vergessen und verdrängen. Aber nicht die Tatsache, daß die große Mehrheit des eigenen Volkes zusah, in Kauf nahm, sich eben nicht empörte – auch weil sie meinte, die Opfer wären im Grunde so unschuldig nicht.

Eine Antwort, die es den Schuldigen und ihren Erben leicht gemacht hätte, hat Jenninger nicht versucht. Auch das ehrt ihn. Denn jeder Ausweg aus dieser deutschen Geschichte ist uns verbaut. Auch die weihevolle, wohlklingende Zeremonie, die alle zu protokollgerechter „Betroffenheit“ – diese unverbindliche Absonderung passender Gefühle – anhält, bevor sie zur Tagesordnung übergehen.

Nun aber ist die Empörung da. Nicht Jenningers persönliche Integrität, seine Wortwahl wird angeprangert und seziert – als ob er nicht auch Anspruch darauf hätte, daß die Hörer und Leser hinter seinen Worten den sehen, der da gesprochen hat. Als Sprachverwalter der für solche Anlässe gebotenen Formeln haben die meisten Kritiker sich geübt.