Von Barbara von Jhering

Zwischen dem einstmals kleinen Zaumzeugmacher Hermes und der Madeleine, da, wo es auf dem Pariser Stadtplan wirr und winkelig wird, aber die Anschriften dennoch piekfein bleiben – das Elysee ist nur einen Steinwurf entfernt – beginnt hinter einem Torbogen ein schmales Gäßchen mit einer Handvoll Läden und Restaurants. Eine ochsenblutrot gerahmte Front fällt ins Auge, darin zwei Türen. Über der linken steht, in schmalen geraden Lettern, „l’Academie du Vin“, die rechte führt in eine Weinhandlung.

Im linken Schaufenster sind Bücher ausgestellt, dazwischen ein paar in Geschenkkartons verpackte Weinflaschen; das rechte Fenster teilen sich – reziprok zum anderen – viele Flaschen mit wenigen, dekorativ plazierten Büchern. Hinter den Scheiben sind Theorie und Praxis des Metiers noch inniger verschränkt: In der „Académie“ gruppieren sich Bücher über Wein, Weinanbau und die Kunst des Weintrinkens um eine halbrunde Theke. In der Weinhandlung dagegen stehen die Flaschen in Regalen vom Fußboden bis zur Decke, aufrecht und dicht an dicht wie Bücher und warten darauf, in die Hand genommen, einer genauen Betrachtung unterzogen zu werden. An manchen Etiketten kann man sich festlesen. Flaschen-Bibliothek.

Die Cité Berryer, 25, rufe Royale, gilt als erste Adresse unter Leuten, die sich im Quartier der verfeinerten Lebensart auskennen. Denn dies ist das Revier von Steven Spurrier, Engländer von Geburt, „was ihn nicht hindert“, schreibt Küchen-Kritiker Gaultmillau, „von seinen Kollegen als Besitzer einer der edelsten Probierstuben der Welt gefeiert zu werden“, den „Caves de la Madeleine“. Kürzlich hat die benachbarte Weinakademie (längst hat sie Ableger in Tokio, Kanada und der Schweiz; in London ist das für seine Weinauktionen berühmte Christie’s daran beteiligt) das definitive Gütesiegel – und ihr Erfinder den Ritterschlag – erhalten: Niemand Geringeres als Weinpapst Baron Edmond de Rothschild will die „Académie“ durch Übernahme der Aktienmehrheit zu einem internationalen Zentrum für Weinkunde und -kultur ausbauen.

Ein Engländer in Paris als Champion in einer urfranzösischen Disziplin? 1970 trat Steven Spurrier in Paris an, um es der dortigen Zunft zu zeigen. Vorausgegangen war ein Studium an der London School of Economics und auch manches Lehr- und Wanderjahr –, zuerst in der ältesten Weinhandlung Londons (Christopher & Co. in der Jeremy Street), danach auf verschiedenen Weingütern in Burgund und um Bordeaux. 1966 gelang ihm ein Husarenstück, das ihn bei französischen Kollegen mit einem Schlag bekannt machte. Er spekulierte mit der Bordeaux-Ernte dieses Jahres, kaufte große Mengen, als die Reben kaum zu blühen begonnen hatten. Im Oktober wurde der Jahrgang zum Klassiker erklärt.

In Frankreich, erinnert sich der 48jährige, „war die normale französische Weinhandlung damals mit einer Tankstelle zu vergleichen: Die Leute stellten ihre leeren Flaschen auf den Tresen und verlangten eine Nachfüllung. Man konsumiert hier eben Wein im selben Maße, wie die Engländer Tee trinken“.

Aus London, wo seit 700 Jahren mit importierten Produkten pfleglich umgegangen wird, war er gewohnt, lange Verkaufsgespräche zu führen: „Der Kunde probierte diesen und jenen Wein und gab am Schluß eine große Bestellung auf.“ Also sicher nicht den Konsum, wohl aber die Kunst, den richtigen Wein an den richtigen Kunden zu bringen, wollte er revolutionieren. Mit Erfolg. Die Resonanz auf Keller und Akademie war selbst für ihn unerwartet, und das nicht nur bei der internationalen Klientel, auf die Spurrier in diesem Viertel um Elysee, Botschaften und Airlines gesetzt hatte.