Morgens um neun ist der Prado noch in Ordnung: das einzige international bedeutende Museum, das täglich zehn Stunden lang geöffnet ist (natürlich außer montags) breitet sich glanzvoll und fast leer vor dem Besucher aus. Nur ein paar Touristen und die Wächter, die hier ihrem für spanische Verhältnisse nächtlichen Beruf nachgehen. In den hellen Sälen des Untergeschosses, die Wände ohne Bespannung, der Boden geschliffener Marmor, die nach langer Renovierungszeit in diesem Jahr wiedereröffnet wurden, die doppelte Apokalypse: Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" und "Heuwagen" funkelnd von Myriaden minutiöser Horrorphantasien; dagegen Francisco Goyas "Schwarze Bilder", die der über siebzigjährige, taube und vereinsamte Künstler an die Wände seines Landhauses "Quinta del Sordo" gemalt hatte, reale Nachtmahre, von entmenschten Menschen bevölkerte Alpträume. Ein Stockwerk höher dann desselben Goyas leuchtende Entwürfe für die königliche Gobelin-Manufaktur, seine Portraits der königlichen Familie und ihrer Umgebung, die großen Anti-Kriegsbilder "Der 2. Mai 1808" und "Der 3. Mai 1808". In den Nebenräumen das endlos ekstatische Werk von El Greco und Velasquez’ höfisches Rätselbild "Las Meninas" (das nach der aufwendigen Restaurierung nun leider in einem verdunkelten Raum von Punktlichtern angestrahlt wird), seine sanften Portraits der Könige und Königskinder und königlichen Zwerge.

Die Welt der Kunst ist keine Olympiade, auch wenn es durch die öffentlich geführten Geschäftsbücher der Firmen Sotheby’s und Christie’s gelegentlich so aussieht. Aber der neue Prado ist die zur Zeit gewiß glanzvollste Pinakothek der Welt. Museen wie der Louvre oder die Londoner National Gallery, die ganze Teile ihrer Sammlungen über lange Zeit hinweg wegen Personalmangels schließen müssen und andere Sektionen unter dem Staub von hundert Jahren beerdigt lassen, müßten gewaltige Anstrengungen unternehmen, um es dem Prado (wo der Eintritt kostenlos ist) gleichzutun.

Jedes europäische (oder andere) Land müßte gewaltige Anstrengungen unternehmen, um es Spanien gleichzutun, das in den letzten Jahren die Kunst in einer für andere Nationen fast unvorstellbaren Weise gefördert hat. Wobei, wie im Falle des Prado (ab elf Uhr ist auch dort die Welt nicht mehr einsam in Ordnung, sondern überfüllt vom täglichen Anteil der jährlich 900 000 Besucher) der Schutz und die Erhaltung der alten Kunst ebenso auf dem Programm stehen wie die Schaffung neuer Lebens- und Auftrittsmöglichkeiten für die neue Kunst.

Im nächsten Jahr übernimmt Spanien den Vorsitz der EG, 1992 ist Barcelona der Austragungsort der Olympischen Spiele, findet eine Weltausstellung in Sevilla statt. In Spanien, wo 1987 rund 20 Prozent des Kulturbudgets für die bildende Kunst ausgegeben wurde, sind alle diese Ereignisse auch eine Herausforderung, der Welt zu zeigen, daß das Land Goyas und Picassos nicht nur eine große Tradition, sondern nach dem Ende des Franco-Regimes auch eine unbändige Lust auf Zukunft hat.

Diese Zukunft der Kunst liegt sehr weitgehend in den Händen von gescheiten Frauen, bürgerlichen Urenkelinnen jener schönen, selbstbewußten, durchtriebenen Gräfinnen und Herzoginnen, die Goya so zahlreich und gern gemalt hat. Carmen Gimenez, Leiterin des "Centro Näcional de Exposiciónes" ist eine von ihnen. Maria de Corral, die für die "Caixa de Pensiones", Spaniens größte Sparkasse, Ausstellungen macht und Kunst kauft, ist eine andere. Dann Juana de Aizpuru, eine Galeristin, die mit der seit 1982 jährlich in Madrid stattfindenden ARCO eine Kunstmesse gegen vielerlei Widerstände gegründet hat, die heute mit den Messen in Köln, Paris, Chicago und Basel in einem Atem genannt wird. Zu den wichtigen Galerien gehört die von Juana Mordo (auch in Madrid), die seit einiger Zeit von Helga de Alvear geleitet wird.

Auf die Frage, wie es denn ausgerechnet in Spanien die Frauen geschafft hätten, in diese führenden Stellungen zu gelangen, hat Carmen Gimenez eine einleuchtende Antwort. Als sie studieren wollte, kamen für Mädchen eigentlich nur Kunst und Geisteswissenschaften in Frage (trotzdem hat sie auch noch politische Wissenschaften in Paris studiert). Nach Abschluß der Ausbildung kam, vom Beruf der Lehrerin einmal abgesehen, wiederum nur die bildende Kunst in Betracht: Weil die Männer diese Sparte nicht genügend männlich und bedeutungsschwer fanden, durften die Frauen sich hier tummeln. Inzwischen ist die Kunst ein Faktor geworden in der Politik, den Medien und der Wirtschaft. "Aber nun", so Carmen Gimenez, "sitzen wir hier" – nicht ohne hinzuzufügen, daß der Kultusminister natürlich ein Mann ist.