Von Benedikt Erenz

Am Morgen des 16. April trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf dem Flur über eine tote Ratte. Im Augenblick’schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und stieg die Teppe hinunter.“ So beginnt die Geschichte des Doktors Rieux in Albert Camus’ Roman „Die Pest“. Das Buch erschien 1947 in Frankreich und bald darauf in einer deutschen Übersetzung auch bei uns. Das rororo-Exemplar, das ich mir 1974 kaufte, stammt aus der 31. Auflage, dem 634. – 663. Tausend. Der Klappentext scheint seit der Erstausgabe nicht mehr wesentlich redigiert worden zu sein: „Ein großartiges Sinnbild des apokalyptischen Grauens, das den Einzelmenschen angesichts der maßlosen kollektiven Verhängnisse unserer Zeit befällt...“

Die Seuche, die „sich unerbittlich ausbreitende mörderische Epidemie“: die Nazi-Pest. Wie anders sollte man Camus’ Parabel verstehen, so kurz nach dem Krieg, wie anders erklärt sich der Erfolg dieses sicherlich nicht ganz einfach zu lesenden Buchs, wie anders auch die endlosen Diskussionen, die es auslöste. Der Einzelne, wie Doktor Rieux, ausgeliefert einem sinnlosen Schicksal, der blindwütigen Seuche: der Faschismus als Verhängnis, als irgendwie über uns alle gekommene Katastrophe; zu erklären, zu verstehen gibt es da nichts. Es bleibt nur, wie der Klappentext von damals so trostreich schließt, „die Gewißheit, daß Mut, Willenskraft und Nächstenliebe auch ein scheinbar unabwendbares Schicksal meistern können“.

Natürlich blickt mancher heute ein wenig ironisch zurück auf Bücher wie dieses, auf die pathetischen Parabeln des Existentialismus, und teilt stillschweigend die Vorwürfe derjenigen, die schon damals den Autoren mangelndes politisches und historisches Bewußtsein vorwarfen. Was umso leichter fällt, als inzwischen unzählige Studien zum Faschismus im allgemeinen und zum Nationalsozialismus im besonderen erschienen sind, von denen jede für sich, auf jeweils andere Motive weisend, ein Mosaiksteinchen beiträgt zur unendlich komplizierten Antwort auf die so einfache Frage: Wie konnte es bloß dazu kommen?

Immer mehr Zusammenhänge werden da entdeckt, und in allen Disziplinen – von der Sprachwissenschaft bis zur Theologie – der Lauf des Wahns zurückverfolgt bis zu seinen trüben Quellen. Nein, da war kein Verhängnis, kein Schicksal, da gab es Gründe: wirtschaftliche Interessen, religiöse Traditionen, psychische Defekte.

Und doch – je intensiver sich das forschende Interesse den Einzelheiten zuwendet, dem teuflischen Detail, desto unbegreiflicher wird das Ganze; je mehr erklärt wird und je mehr die Ursachen sich klären, desto weniger gelingt es, sich der „existentialistischen“ Ratlosigkeit zu entziehen angesichts einer monströsen Absurdität. Oder kann einer heute das wirklich verstehen: Wie da aus Nachbarn Juden wurden, wie da vor aller Augen Mitschüler, Arbeitskollegen, Sportkameraden von ihren Mitschülern, Arbeitskollegen und Sportkameraden ausgegrenzt, gedemütigt und mißhandelt, schließlich verschleppt und ermordet wurden, so als hätte man nie am selben Tisch gesessen, nie im selben Haus gewohnt, an der selben Werkbank gestanden – so, als wäre das alles nie gewesen?

„Aus Nachbarn wurden Juden“, „Vor aller Augen“, „Als wäre es nie gewesen“: drei Ausstellungen von vielen im Berlin dieser Wochen. Ausstellungen, die den Blick zurücklenken wollen: auf den Alltag von Menschen, die plötzlich feststellen müssen, daß sie nicht mehr dazugehören, daß ihre Mitmenschen sie plötzlich aus unerfindlichen Gründen „Jude“ nennen und ihnen jede Existenzberechtigung absprechen. Dokumentationen, an verschiedenen Orten in Berlin – von Charlottenburg bis Neukölln – mit viel (unentgoltenem) Engagement eingerichtet, die offenlegen, zeigen, dokumentieren wollen, die sich konzentrieren auf Einzelheiten, Begleitumstände, auf das so unwahrscheinliche Detail, das doch die ganze grauenvolle Wahrheit birgt.