Mitte November beginnt in Berlin die „Freie Universität“ mit ihren Vorlesungen. Zur gleichen Zeit bedankt sich der Rektor der im sowjetischen Sektor gelegenen Linden-Universität bei den russischen Behörden dafür, daß die für dieses Semester geplante Liquidierung der philosophischen Fakultät in der „Pädagogischen Fakultät“ verschoben worden ist. Sind doch die Ostzonenuniversitäten jetzt durchweg von dieser die „Universitas Literarum“ auflösenden Maßnahme bedroht. Eine Tatsache, die dem Plan der Neugründung einer „Freien Universität“ nach monatelangen Vorbereitungen den entscheidenden Anstoß zur Verwirklichung gegeben hat.

Zwei Universitäten wird es also jetzt neben der Technischen Hochschule, die sich in den letzten Monaten auch eine Reihe geisteswissenschaftlicher Fächer angegliedert hat, in Berlin geben. Die Notwendigkeit dazu bestand seit der Stunde, in der die Berliner Universität eine Position der kommunistischen Zentralverwaltung für Volksbildung und der sie lenkenden Sowjetbehörden geworden war. Alle Anstrengungen, die Universität aus dieser Hoheit zu lösen und sie dem Berliner Magistrat zu unterstellen, scheiterten an der Intransigenz der Zentralverwaltung, die in der Berliner Hochschule Paradebeispiele kommunistisch-sowjetischer Wissenschaft demonstrieren wollte. Diese Tendenz verriet sich allerdings nicht gleich so deutlich, daß etwa von vornherein für alle Disziplinen Vertreter der rein marxistischen Lehrerschaft eingesetzt worden wären – man war im Gegenteil bestrebt, alle greifbaren Dozenten von deutschem oder gar europäischen Rang heranzuziehen. Doch die Lockungen standen stets unter der Drohung einer geistigen und politischen Abhängigkeit, die sich wohl zwei Jahre lang verschleiern ließ, nach dem Ausbruch der offenen politischen Auseinandersetzungen nicht mehr zu verbergen war. Der gesamte Lehrkörper, nach dem Kriege längst nicht mehr auf der Höhe früherer Ansprüche, verlor deshalb in den letzten Jahren ständig weiter an Profil. Als schließlich die eindeutige politische Orientierung der Universität in Maßregelungen der Studentenschaft unverhüllt zutage trat, blieb zur geistigen Markierung des politischen Kampfes um Berlin nur der Weg einer neuen Universitätsgründung übrig.

Er war von Anfang an mit ungeheuerlichen Schwierigkeiten belastet. Sie begannen bei den Räumen für Vorlesungen und Seminare, setzten sich fort in dem Mangel an Fachbibliotheken und Studienmaterial, und sie schienen unüberwindlich zu werden, als es sich um die Zusammenstellung des Lehrkörpers handelte. Als man mit den vorbereitenden Maßnahmen begann, fiel eben der „Eiserne Vorhang“, der die Stadt Berlin zur vollkommenen Insel in der Sowjetzone machte. Die Abkehr von Berlin nahm gerade in jenen Wochen immer mehr fluchtartigen Charakter an, und alle Rufe in das westliche Deutschland und in die verschiedensten Orte der Emigration hinaus bekamen ungenügende oder gar keine Antworten. Der Plan der „Freien Universität“ schien eine Utopie. Die Bibliotheken lagen im sowjetischen Sektor, die Kliniken gleichfalls, nirgendwo im westlichen Berlin boten sich Hörsäle, und die Auswahl an Professoren schien bedenklich bescheiden. Die Gefahr einer höchst unzulänglichen politischen Demonstration lag in der Luft.

Jetzt aber ist die neue Universität allen Hindernissen zum Trotz doch ins Leben getreten. Ihr Hauptsitz ist Dahlem, in verschiedenen Gebäudekomplexen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Aber ihre Studenten werden auch in der ehemaligen Lankwitzer Flakkaserne, im amerikanischen Onkel-Tom-Kino, im Krankenhaus Westend, im Kaiserin-Auguste-Viktoria-Krankenhaus und anderswo zusammenkommen. Es sind Bibliotheken über die Luftbrücke unterwegs, um erst einmal wenigstens Teile der philosophischen, medizinischen und juristischen Fakultät in wissenschaftliche Bewegung zu bringen. Mehr als 3000 Studenten sind an dieser Universität immatrikuliert, deren Satzungen in diesen Tagen noch vom Stadtparlament und Magistrat bestätigt werden müssen. Mehr als 30 v.H. davon kommen aus der Ostzone, mehrere Hundert sind von der Linden-Universität herübergewechselt. Das Vorlesungsverzeichnis freilich ist erst wenige Stunden vor den ersten Vorlesungen fertiggeworden, weil die Zusammenstellung des Lehrkörpers ja außergewöhnliche Schwierigkeiten bereitete: nicht nur wissenschaftliche, sondern vor allem auch politische. So sind auch einige Professoren (wie der Musikwissenschaftler Gerstenberg) aus der Ostzone gekommen und haben sich andere in letzter Stunde von der Berliner Universität gelöst (so der Senior der deutschen Historiker Meinecke, der Religionswissenschaftler Braune, der Archäologe Goethert der Literarhistoriker Kunisch). Wieder andere, die aus dem Westen kommen sollten, sind noch nicht eingetroffen – und weitere, die sich aus der Sowjetzone gemeldet haben, wird die Öffentlichkeit erst erfahren, wenn ihnen der Abgang geglückt ist.

Die „Freie Universität“ ist fraglos ein Novum in der wissenschaftlichen Tradition Deutschlands, sowohl als wissenschaftliches Provisorium wie auch als Institution der geistigen Selbstbehauptung. Aber schon heute kommt ihr größere geistige und moralische Bedeutung zu als der Linden-Universität, die nun durch den Weggang ihrer letzten Ordinarien von wissenschaftlichem Format auf einmal unverhüllt zur rein kommunistischen Lehrschule geworden ist. Siebentausend Studenten meldet diese Universität mit ihrem Stolz auf Zahlen, verbirgt aber, daß auf ihren Schwarzen Brettern das verräterische „n.n.“ hinter den wenigen Vorlesungen von wissenschaftlicher Qualifikation steht. Die Kulturfronten Berlins, die sich in Theatern, Filmbühnen, im kommunistisch gelenkten „Kulturbund“ auf der einen und in der ihm entgegen gegründeten „Liga für Geistesfreiheit“ auf der anderen Seite immer unversöhnlicher abzeichnen, sind durch die beiden Universitäten links und rechts des Brandenburger Tors noch schärfer gezogen. Die östliche Seite hat fraglos überall die größeren Mittel eingesetzt, aber die westliche zeigt sich zunehmend als die wirklich fortschrittliche, nämlich dem Geist und der Freiheit zugewandte. K. W.