Von Peter Seidlitz

Die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und China gedeihen gut, am besten in der Wirtschaft. Immer häufiger treffen sich Wissenschaftler oder Politiker der beiden Länder zum Gedankenaustausch. In Peking wird gerade die erste sowjetische Technologieausstellung aufgebaut. Beim Gipfeltreffen der Parteichefs Michail Gorbatschow und Zhao Ziyang, das voraussichtlich im nächsten Jahr stattfinden wird, soll die wirtschaftliche Kooperation sogar vertraglich besiegelt werden.

Wie weit sie auch heute schon vorangekommen ist, läßt sich an einigen Beispielen verdeutlichen:

  • Der Handel ist im ersten Halbjahr 1988 um 35 Prozent gestiegen und wird übers Jahr fast drei Milliarden Dollar erreichen. 1981 tauschten die beiden Länder nur Waren im Wert von 252 Millionen Dollar aus.
  • Die Sowjetunion modernisiert seit zwei Jahren siebzehn führende Industriekonglomerate in China. Dazu zählen etwa der von den Japanern gebaute größte Stahl- und Eisenkomplex Chinas, Anshan Cor., von der Sowjetunion gebaute Eisen- und Stahlfabriken, ein Kohlebergwerk, Chinas größte Traktorenfabrik, die größte Petrochemieanlage sowie Papier-, Düngemittel- und Textilfabriken.
  • Die Sowjetunion hat China einen Kredit im Wert von umgerechnet 160 Millionen Mark gegeben, damit eine zweite Eisenbahnlinie fertiggestellt werden kann, die zusätzlich zur transsibirischen Bahnstrecke die UdSSR und China in Zentralasien verbinden wird. Wenn sie 1992 eröffnet wird, können selbst Güter aus Lianyungang an Chinas Ostküste über den Ala Paß bis nach Rotterdam auf der Schiene transportiert werden. Die Sowjetunion liefert Schienen und Weichen, China zahlt mit Eisschränken und Textilien.
  • Chinas Provinz Heilongjiang an der Grenze hat von Peking fast völlige Autonomie für den Sowjetunion-Handel erhalten. 22 große Fabriken, die die Sowjets dort in den fünfziger Jahren bauten, sollen nun mit sowjetischer Hilfe modernisiert werden. Zusätzlich zu den bestehenden drei Grenzübergängen wurden in diesem Jahr fünf weitere geöffnet. Insgesamt sollen sechzehn Übergänge für den kleinen und großen Grenzverkehr geschaffen werden.

An der sowjetisch-chinesischen Grenze finden interessante Experimente der beiden Länder statt. China hat bereits einige zehntausend Gastarbeiter in die grenznahen Gebiete der Sowjetunion geschickt. Der Gouverneur von Heilongjiang will so das Arbeitslosenproblem in seiner Provinz lösen. Nach offiziellen Angaben gibt es in der Grenzprovinz drei Millionen Arbeitslose. In der Sowjetunion werden hingegen Arbeitskräfte dringend gesucht, weil sich Russen und andere Nationalitäten nur ungern zur Arbeit an die chinesische Grenze locken lassen. Die Regierung in Peking, die bei westlichen Unternehmen mit billigen Arbeitskräften für den Industriestandort China wirbt, will nun auch größere Gastarbeiter-Kontingente in andere Gegenden der Sowjetunion schicken. Die Arbeitslosen, nach offiziellen Zahlen zwanzig Millionen in den Städten, bekommen eine Aufgabe, und China kann mit den Devisen Rohstoffe und Maschinen aus der UdSSR kaufen. Dem Beispiel von Heilongjiang folgend, baut auch die weit westlich gelegene zentralasiatische Provinz Xinjiang die Kooperation mit den Sowjetrepubliken Kasachstan und Kirgisien aus.

Der sowjetisch-chinesische Handel verläuft weitgehend bargeldlos durch Warentausch, Überschüsse werden, wie sonst auch in Comecon-Ländern üblich, in Rubel-Verrechnungseinheiten abgewickelt. Daß Rohstoffe in China gegenwärtig für Käufer aus westlichen Industrieländern knapp sind, ist in vielen Fällen schon eine Folge der chinesisch-sowjetischen Kooperation. Die Pläne mit Moskau müssen erfüllt werden. Die chinesischen Fabriken sind gezwungen, sich an die Rohstoff- und Maschinenlieferung aus der UdSSR anzupassen und einen Teil der Produktion für die Exporte in die UdSSR und den Ostblock zu reservieren.

Parallel mit dem Aufschwung des UdSSR-Handels verbessern sich auch die Wirtschaftsbeziehungen Chinas mit den Ländern Osteuropas. Vorläufer ist hier die DDR: Sie möchte bis 1990 ein Handelsvolumen von ebenfalls fast drei Milliarden Dollar erreichen.