Nein, heute nichts übers Ozonloch. Heute ist uns die Zukunft der Erde wurscht. Heute haben wir Klimakatastrophe im Kopf. „Das ist kein Kopfweh“, tröstet der Doktor – und massiert sich selber seinen Migräne-Schädel. „Sie sind halt auch meteoropath.“

Ich bin was? Meteoropathie heißt die Krankheit, die keine ist, an der aber immer mehr Menschen leiden, wie es uns die Fachleute der „Medizin-Meteorologie“ statistisch beweisen. Jetzt haben sie wieder zu tun, wenn draußen die Herbststürme toben, wenn Abgas-Schwaden und Rauchfahnen aus Kaminen sich zum Smog verdichten. Die „Zentrale Medizin-meteorologische Forschungsstelle“ beim Deutschen Wetterdienst in Freiburg kann warnen, kann raten. Aber helfen?

Halten wir es nicht alle so wie die beiden Alten, von denen Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ erzählt? In dem Roman, der mit einem Wetterbericht eröffnet wird („Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum ..“), lesen wir: „Es war ungefähr so, wie wenn ein alter Jäger oder Bergführer eine Konferenz von Meteorologen anhören müßte und sich dann schließlich doch nach den Weissagungen seines Rheumatismus entscheidet.“

Wenn uns so zumut ist, wie Reiner Kunze es in seinem „Föhn“-Gedicht beschreibt („Die nerven sind verstimmt / bis ins schmerzhafte // Noch eine Vierteldrehung / und etwas in dir wird zerspringen“), ist auch der meteoropathe Meteorologe Goethe ratlos, der 1825 den „Versuch einer Witterungslehre“ verfaßt hat. Der Staatsminister im Großherzogtum Sachsen-Weimar, der sein Ländchen mit einem Netz von Wetterbeobachtungs--Stationen überspannen ließ, klagte darüber, daß „gerade die feinsten Köpfe am meisten von den schädlichen Wirkungen der Luft zu leiden haben“. Der sich selbst und das Wetterglas kontrollierende Goethe erkannte: „So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem.“ James Joyce sagt es böser, als er merken mußte, wie Leib und Seele immer wieder, „Schritt haltend mit dem Barometer über Veränderlich ins Tief“ rutschen.

Das Zusammenspiel von Klima, Körper, Seelenstimmung hatten schon die Friesen erkannt. In ihr Gesetzeswerk „Lex Frisionum“ nahmen sie vor tausend Jahren einen Paragraphen auf, der höhere Strafe dem androhte, „der einem Mitmenschen im Streit eine Wunde zufügt, die eine wetterempfindliche Narbe zurückläßt“.

Wie aber, wenn es zwackt, wo gar keine Narbe ist? Dann greifen wir zu Eugen Roths lyrischer Hausapotheke: „Uns quält, wer weiß warum und wie, / Oft plötzliche Melancholie. / Es hat uns niemand was getan, / Doch weht’s wie Wind uns traurig an: / So eine Art von Seelenföhn...“. Das Gedicht finden wir in einer schönen Anthologie von Hannes S. Macher: „Föhn – Ein literarischer Trostspender für Wetterfühlige“ (Ludwig Verlag, Pfaffenhofen). Von Schillers „Tell“ („Der Föhn ist los, ihr seht, wie hoch der See geht“) bis zu Achternbuschs wilder Rhapsodie über „Föhnsternis“ sind hier 86 literarische Texte gesammelt über den nach dem lateinischen Wort für Westwind (favonius) genannten „Gespensterwind“, den „Hexenwind“, „das brummende Frühlingstier“ (Franziska zu Reventlow), den „heulenden Himmelshund“ (Dr. Owlglass) – den „Fürsten der Stürme“.

Was wird dem warmen Fallwind nicht alles zugeschrieben, der die Alpen so nah an München heranholt, daß man, wie Herbert Rosendorfer kaum übertreibt, „von den Frauentürmen aus das Weiße in den Augen der Watzmann-Gemsen sehen konnte“: Starnberg wird bei Föhn „mehr zu einem Vorort Roms als zu einem Ort vor München“ (Gustav René Hocke) und die Hauptstadt Bayerns „heißt an Föhntagen nicht München. Man muß sie Monaco di Baviera nennen, das bayerische Monaco“ (Jürgen von Hollander).

Doch geraten nicht alle ins Schwärmen bei Föhn: Günter Eich „gerinnt der Föhn zu unsichtbaren Kerkern“ und Phill Kreiten-Schwabing findet die Föhn-Formel: „Das Hirn erstarrt zu zähem Fensterkitte / und in der Seele wuchert Sauerkraut.“ Rolf Michaelis