Jurek Becker antwortet auf Martin Walser

Über Deutschland reden

Wenn jemand am Unsagbaren leidet, muß ihm der Versuch, seine Not in Worte zu kleiden, mißlingen, das liegt im Wesen der Sache. Er wird an eine Grenze stoßen, die unüberwindlich ist, und es bleibt ihm, selbst wenn er ein Meister in der Kunst des Ungefähren sein sollte, nichts anderes übrig, als gefühlsbetont und argumentearm zu sein. Seine Mitteilungen werden zuvor schon gehörten Mitteilungen gleichen, von solchen, die an ähnlich Unsagbarem litten und bei ihren Versuchen, es in die Welt hinauszuschreien, in Ressentiments steckenblieben.

Es geht um Martin Walsers Text „Über Deutschland reden“. Darin erfährt man von des Autors Sehnsucht nach einem vereinten Deutschland, und zwar auf eine Weise, über die ich mich ein wenig aufregen möchte. Vorher aber sollte ich, um einem Mißverständnis vorzubeugen, eines erklären: Auch wenn ich den Wunsch nach Einstaatlichkeit nicht teile, ist es nicht etwa sein pures Vorhandensein, das mich zum Widerspruch herausfordert. Diesen Wunsch hegen täglich viele, in Zeitungen, im Radio, auf Parteiversammlungen, an Stammtischen, warum sollte ein Schriftsteller da nicht mitwünschen dürfen.

Ärgerlich aber ist, daß Walser alle die, die keinen Vereinigungsdrang spüren, ziemlich schlecht behandelt; daß er ihnen Argumente in den Mund legt, die er nur bei den einfältigsten von ihnen gehört haben kann, um dann unter den so versammelten Plattheiten ein Blutbad anzurichten.

Und ärgerlich ist, daß Walser seinen Wunsch nach Wiedervereinigung wie ein Naturereignis behandelt. Er ist zwar entschieden der Meinung, daß der Zustand der deutschen Einheit dem gegenwärtigen vorzuziehen wäre, nennt aber keine Gründe dafür; in dem ganzen langen Text kein einziger Hinweis, kein Sterbenswort. Es ist wie in einem Märchen: Alle Weisen des Landes stehen um die Prinzessin herum und zermartern sich die Hirne, warum sie sich ausgerechnet den einen Wunsch in den Kopf gesetzt hat, der das ganze Reich ruinieren kann; sie aber stampft mit dem Fuß auf und ruft: Ich will es eben!

Im ersten Teil seines Textes, als ihm der nicht unbegründete Verdacht kommt, er würde ohne Ungenauigkeiten, Klischees und Vergröberungen nicht auskommen, schreibt der Autor: Vielleicht können wir einander so trösten: Wer, beim Deutschland-Gespräch nicht unter sein Niveau gerät, hat keins. Das klingt wie eine Bitte um mildernde Umstände. Wie die Ankündigung von jemandem, der schon oft seinen Standpunkt auf dürftige Weise vertreten hat und weiß, daß ihm auch diesmal nicht viel gelingen wird. Gleichzeitig bringt der Aphorismus die Hoffnung zum Ausdruck, es möge den Kontrahenten nicht besser ergehen, aber das wollen wir erst noch sehen.