Ich weiß ebensowenig wie Martin Walser, wie in einer Zukunft, die wir beide nicht erleben werden, die Grenzen in Europa verlaufen. Vielleicht wird es den Kontinent irgendwann einmal so durchschütteln, daß hinterher alles anders ist, daß Gesellschaftssysteme neu geordnet und Bündnisse neu geschlosssen und Staatsgrenzen neu gezogen oder gar abgeschafft werden. Ich halte das weder für wahrscheinlich noch für unwahrscheinlich: es kann sein. Aber ich bin sicher, daß eine heute erhobene Forderung nach Wiedervereinigung diesen Tag nicht näherbringt. Wenn er kommen sollte, dann werden nicht diejenigen, die jetzt nach Einheit rufen, recht behalten haben: es wird dann etwas geschehen sein, das heute unmöglich ist.

Für die deutsche Teilung erkennt Martin Walser im wesentlichen drei Gründe: Erstens handelte es sich um eine Strafaktion gegen das kriegsschuldige Deutschland, zweitens um eine Unterdrückungsmaßnahme gegen damals noch virulente Überbleibsel des Faschismus, drittens nutzten die Alliierten die einmalig günstige Gelegenheit, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Das erste Motiv für die Teilung hält Walser für inzwischen erledigt: Wenn die Resozialisierung erreicht sei, habe Strafe ihren Sinn verloren. Auch wenn ich diese anthropomorphe Analogie für nicht geglückt halte (man kann Staaten schließlich nicht auf Bewährung freilassen, andererseits steht auf manche Verbrechen die sogenannte Höchststrafe, bei der Resozialisierung eine Nebenrolle spielt), ist die Schlußfolgerung akzeptabel: Besonders üble Gangster sind die zwei deutschen Staaten in der Staatengemeinschaft nicht.

Der Satz, in dem die Gründe Nummer zwei und drei am präzisesten abgehandelt werden, lautet: Also: Wenn die Rückfallgefahr ausgeschlossen ist – und wer das nicht sieht, der verneint schlicht unsere letzten 40 Jahre – dann gibt es nur noch ein Motiv für die Fortsetzung der Teilung: das Interesse des Auslands. Auch wenn ich noch nie bei den Versammlungen kleiner Rechtsparteien in einem dieser Hinterzimmer war: ich stelle mir vor, daß dort so geredet wird. Nach vierzig Jahren muß endlich Schluß sein! Wie lange will man uns noch büßen lassen für Geschichten, mit denen wir nichts zu tun haben? Wir brauchen neues deutsches Selbstbewußtsein, sonst werden wir vom Ausland weiter ausgeplündert! Mit dem Diktat von Versailles war es ähnlich, das haben uns dieselben aufgezwungen, und so weiter.

Daß Walser kein Ohr dafür hat, wie Interesse des Auslands klingt! Und daß er keinen der Faschismus-Reste wahrnimmt, von denen ich mich umzingelt fühle! In Gerichten, in Schulen, auf Behörden, auf der Straße, bei der Polizei, bei den Demonstranten. Ich behaupte ja nicht, daß eine faschistische Machtergreifung vor der Tür steht. Aber diese Sache zum Schnee von gestern zu erklären, dazu gehört auch eine starke schönfärberische Energie.

Eine Passage, mit der Walser besonders deutlich unter sein Niveau gerät, hat folgenden Wortlaut: An dieser Stelle mache ich gern den Fehler, meinen Widersachern vorzuwerfen, sie verewigten den Faschismus dadurch, daß sie auf antifaschistischen Haltungen bestünden ...

Muß man eine solche Geschmacklosigkeit übergehen, nur weil ihr Autor kokett ankündigt, er mache nun einen Fehler? Mir scheint, daß er an dieser Stelle dem gesunden Volksempfinden sehr nahe kommt: Frauen sorgen für immer neue Vergewaltigungen, indem sie mit langen Haaren und kurzen Röcken herumlaufen; Juden halten mit ihrem jüdischen Getue den Antisemitismus am Leben; und die Antifaschisten haben nicht genug Verstand, zu erkennen, daß es längst keinen Faschismus mehr gäbe, wenn sie mit ihren Überreaktionen aufhören könnten. Einmal war ich Zeuge, wie ein Hundebesitzer zum Vater eines gebissenen Mädchens sagte: "Wenn Ihre Tochter stehengeblieben wäre wie ein vernünftiger Mensch, wäre das nicht passiert."