Zur Not hätte man sich den zuletzt zitierten Walserschen Satz als Unbedachtheit erklären können, als eine Grube, in die Aphorismussucht einen Autor hat stürzen lassen. Doch diese Hoffnung macht er sofort zunichte: Darüber müssen einmal Geschichtsschreiber sich wundern: Wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten...

Hier komme ich mit meinem Ärger nicht mehr aus, denn das ist empörend. Walser tut, als wäre Faschismus eine Streitigkeit innerhalb der Familie gewesen und als litten alle, die nicht müde werden, vor ihm zu warnen, an Einfallslosigkeit. Als fräßen sie von einer dummen Sache das Gras ab, das längst darüber gewachsen ist.

Tut mir leid, aber von meiner Familie sind an die zwanzig Personen vergast oder erschlagen oder verhungert worden, irgendwie spielt das für mich noch eine Rolle. Ich habe nicht so kuschelige Kindheitserinnerungen wie Walser. Sollte das der Grund sein, warum Deutschland eher seinesgleichen gehört als meinesgleichen?

Ich kann es nicht ändern, wenn er an dieser Stelle die Augen verdreht, weil ich schon wieder mit diesen langweiligen Geschichten von gestern komme. Vielleicht tröstet es ihn, zu hören, daß sie nicht nur ihm nicht gefallen, sondern auch mir nicht. Vielleicht muß er aber auch begreifen, daß es noch andere Empfindlichkeiten gibt als die eine, die er so sparsam vorführt.

Ich habe mich in Wut geschrieben und muß aufpassen, daß mir der Bremsweg nicht zu lang wird. Es hat ja wenig Sinn, Satz für Satz einer Rede zu zitieren, um sodann das Fragwürdige daran ans Licht zu zerren; und wenn es Sinn hat, dann ist es auf Dauer doch öde. Dabei wimmelt Walsers Text von Stellen, deren bloße Wiederholung wie üble Nachrede erscheint. Nationalistisches Geschwafel wird ja nicht dadurch erträglicher, daß der Redner zuvor einige schöne Bücher geschrieben hat. Umgekehrt: Ich muß mich dagegen wehren, daß mir diese Bücher nicht plötzlich in einem neuen Licht erscheinen.

Ohne Zweifel gibt es Themen, über die sich kaum vorurteilsfrei debattieren läßt, ohne Zweifel gehört das Thema "Deutsche Einheit" dazu, für mich. Fast jedesmal, wenn ich an solchen Gesprächen teilnahm, konnte ich eine Merkwürdigkeit beobachten: daß die anderen, die Vereinigungswilligen, auch noch ganz andere Positionen vertraten, die mir verdächtig vorkommen, und zwar stets dieselben. Sie fühlen sich, so lange nach Kriegsende, als Opfer der Sieger, herumgestoßen; für sie ist Faschismus ein erledigtes, enthauptetes exotisches Ungeheuer, nicht eine Möglichkeit, die gegenwärtig ist und im Auge behalten werden muß; sie sind Geschichtssentimentalisten; sie glauben, im vereinten Deutschland würden sie den Gerüchen und Geschmäcken ihrer Kindheit wiederbegegnen; sie haben ein (für meine Begriffe) übersteigertes Bedürfnis nach Verwurzeltsein, daher bluten sie aus Wunden, die niemand außer ihnen wahrnimmt. Sie können es nicht bei konservativen Ansichten belassen, sie müssen immer gleich reaktionär werden.

Walser setzt seine Hoffnung darauf, die Bevölkerungen der beiden deutschen Staaten mögen gegen das Diktat des Auslands aufbegehren. Und auch gegen ihre eigenen Regierungen, die sich so würdelos dem ausländischen Druck beugen. Früher lautete der Fachausdruck: Ausverkauf der deutschen Interessen. Dabei könnte der Weg zur Einheit ein Kinderspiel sein: Eine Abstimmung in der DDR, eine bei uns. International überwacht. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker praktiziert. So einfach wäre das. Stammtischgeblöke.