Doch schon der erste Anlauf ging gehörig daneben. Von den 33 Milliarden Mark, die der Bund an Finanzhilfen zahlt, sollen letztlich nur hundert Millionen wegfallen, also nicht einmal ein Prozent. Die Bundesregierung muß, so verlangt es der Haushaltsausschuß, dafür sorgen, daß diese Summe im Laufe des Haushaltsjahres eingespart wird. Eine peinliche Blamage für die FDP, spottete der SPD-Abgeordnete Helmut Wieczorek, "nachdem sie zuvor profilierungssüchtig mit großspurigen Ankündigungen gestrunzt hat".

Mehr Disziplin will Stoltenberg dagegen in einem anderen Punkt vorexerzieren: An der Erhöhung der Verbrauchsteuern, die dem Bundeshaushalt gut acht Milliarden Mark bescheren soll, wird nicht gerüttelt. Auch die Mahnung der Konjunkturforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten, es könnte "auf die Verbrauchsteuererhöhungen verzichtet und dennoch ein beträchtlicher Konsolidierungserfolg erreicht werden", beeindruckte den Finanzminister offensichtlich nicht.

Demonstrative Enthaltsamkeit verspricht die Bundesregierung in einem zweiten Punkt: Es bleibt dabei, daß Einnahmen aus dem Bundesbankgewinn, die den Ansatz übersteigen, direkt zur Tilgung von Schulden überwiesen werden. Es ist schon heute ziemlich sicher, daß die im Haushalt eingeplanten fünf Milliarden Mark beträchtlich überschritten werden. Wer sich davon eine Reserve für zusätzliche Ausgaben erhofft hat, beißt bei Stoltenberg auf Granit.

Den wirklichen Grund für die Disziplin glaubt man in der SPD zu kennen: "In Wahrheit legt sich die Bundesregierung Fettpolster für das Wahljahr 1990 und danach zu." Natürlich sieht Stoltenberg das anders. Er denkt schon heute daran, daß 1990 die letzte Stufe der Steuerreform einen Ausfall an Einnahmen um neunzehn Milliarden Mark bringen wird, steigende Defizite also nicht ausbleiben.

So predigt der Kassenwart der Nation weiter "Augenmaß und Ausgabendisziplin" – auch wenn die Steuerquellen immer ergiebiger sprudeln.