Von Dieter Buhl

Washington, im November

Selten klangen die Siegesfanfaren nach einer Präsidentenwahl so gedämpft wie diesmal. Jubel über den Erfolg war bei den Republikanern wie beim designierten Präsidenten kaum zu vernehmen. Denn die Reaktionen auf das Wahlergebnis ermuntern nicht zur Euphorie. Der Kursknick an der Wallstreet, der größte nach der Wahl eines Präsidenten seit Kriegsende, und der sinkende Dollarkurs verdeutlichen die weitverbreitete Skepsis. Ernüchternder noch wirkt die Melancholie, die plötzlich viele amerikanische Kommentatoren befallen hat. Sie entspricht den Vorhersagen, die in Europa seit langem über Amerikas Zukunft grassieren.

Selbst den Frohgemutesten unter den Amerikanern dämmert es inzwischen, daß die goldenen Reagan-Jahre vorbei sind. Nun wollen sie von George Bush wissen, was auf sie zukommt. Im Wahlkampf hat er sich weitgehend mit unverbindlichen Aussagen durchgemogelt. Jetzt aber verlangen die Wähler von ihm, seine Vorstellungen zu cefinieren und seinen Standort zu verdeutlichen: Weiß der künftige Präsident, wohin er das Land steuern will? Und: Besitzt er ausreichende Führungsqualitäten, um seinen Kurs dann auch zu halten?

Bisher hat Bush richtig reagiert. Die schnelle Nominierung seines Freundes James Baker für den Posten des Außenministers und de facto zum zweiten Mann der kommenden Administration hat Beifall gefunden. Bei seiner ersten Pressekonferenz traf Bush zudem den Ton, den seine Landsleute von ihm erwarten; er gab sich demütig und lernbereit.

Wie jeder neue Mann im Weißen Haus kann auch George Bush auf viel guten Willen rechnen. Aber sein Honigmond wird nicht lange währen. Die Demokraten sind zwar noch damit beschäftigt, sich über die Ursache ihrer fünften Niederlage bei den letzten sechs Präsidentschaftswahlen zu streiten, doch gleichzeitig erfüllt sie Genugtuung über ihren Zugewinn an der Basis, und das verbindet über allen Zwist hinweg. Mit verstärkter Präsenz im Senat, im Repräsentantenhaus und in den Gouverneurspalästen überall im Lande hat die demokratische Partei ihre Machtposition weiter ausgebaut. Sie wird künftig noch deutlicher mitreden wollen, als ihr das schon beim späten Reagan gelang. Das Regierungssystem der checks and balances, das den amerikanischen Verfassungsvätern vorschwebte, ist durch dieses Wahlergebnis erneut bestätigt worden.

Wie George Bush mit der demokratischen Gegenmacht zurechtkommen wird, schält sich schon jetzt als Schicksalsfrage seiner Präsidentschaft heraus. Seine bisherige Haltung ermuntert zur Gelassenheit. Der Republikaner gilt als konzilianter Mann, der sich in den Korridoren des Capitols auskennt und dort viele Freunde hat. Regieren per Charme und geduldiger Überredung, nicht mit dickköpfiger Ideologie wie Reagan, könnte die Devise des neuen Präsidenten sein. Zuvor jedoch muß er die Wunden heilen, die er mit seinem brutalen Wahlkampf bei den Demokraten geschlagen hat.