Von Sergej Chruschtschow

Sommer 1964. Das zehnte Jahr Nikita Chruschtschows als Erster Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU ging dem Ende zu. Mein Vater hoffte, im Herbst Urlaub machen und neue Projekte umreißen zu können. Seine Vorhaben waren groß: im November/Dezember sollte ein ordentliches ZK-Plenum stattfinden, von dem wichtige Entscheidungen erwartet wurden. Eine der zentralen Fragen betraf die Organisation der Parteiführung. Das Präsidium des ZK der KPdSU war überaltert. Immer häufiger dachte mein Vater darüber nach, in wessen Hände die Führung des Landes und der Partei zu legen sei. Nach Stalins Tod hatte es Streitereien gegeben, die in offene Zusammenstöße mündeten. Um Ähnliches zu vermeiden, wollte mein Vater den Machtwechsel gesetzlich verankern und Offenheit (Glasnost) herstellen: Jedes Präsidiumsmitglied sollte nur mehr zwei Perioden à vier Jahre zwischen den Parteitagen im Amt sein.

Der XXII. Parteitag 1961 hatte bereits eine Resolution über den Wechsel in der Parteiführung verabschiedet. Aber das war nur der erste Schritt. Nun sollte es weitergehen und diese Prinzipien in der neuen Verfassung festgeschrieben werden.

Ich hörte von den Plänen meines Vaters. Auf dem Plenum beschloß man zunächst, das ZK-Präsidium zu erweitern. In den letzten Jahren war die Jugend herangewachsen – etwa Parteisekretär Alexander Scheljepin und viele andere. Diese Jüngeren sollten in den Machtwechsel einbezogen werden.

Im Haus meines Vaters auf den Leninhügeln Moskaus bewohnte ich, damals 33jährig, mit meiner Familie zwei Zimmer mit Bad auf der ersten Etage. Nur abends, wenn Vater Nikita von der Arbeit kam, saßen wir alle zusammen, tranken Tee und erzählten uns das Neueste. Danach nahm mein Vater seine Akten und begann zu lesen. Telephonate erledigte er nur in den dringendsten Fällen von zu Hause aus. Er mochte es überhaupt nicht, wenn man die übliche Arbeitszeit nicht einhielt. Das erinnerte ihn an die nächtlichen Überwachungen während der Stalinzeit. Als eines Abends das „staatliche“ Telephon klingelte, war ich sehr verwundert, zumal mein Vater gerade in Kasachstan auf Dienstreise war und derjenige, der anrief, genau wußte, wo sich mein Vater aufhielt.

„Guten Abend Sergej, mit Ihnen spricht Wasilij Iwanowitsch Goljukow. Ich war Chef der Gruppe, die für den persönlichen Schutz von Ignatow (ein ehemaliges, 1961 nicht wiedergewähltes ZK-Präsidiumsmitglied, d. Red.) zuständig war.“

Ich wunderte mich sehr. Worüber könnte dieser ehemalige KGB-Beamte mit uns sprechen wollen? „Hören Sie“, beeilte sich Goljukow, „ich habe gehört, daß sich gegen Ihren Vater eine Verschwörung zusammenbraut. Darüber wollte ich ihn persönlich informieren. Von der Verschwörung erfuhr ich aus Gesprächen Ignatows. Es ist ein breiter Personenkreis darin verwickelt.“