"Ich werde nicht mehr kämpfen"

Von Sergej Chruschtschow

Sommer 1964. Das zehnte Jahr Nikita Chruschtschows als Erster Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU ging dem Ende zu. Mein Vater hoffte, im Herbst Urlaub machen und neue Projekte umreißen zu können. Seine Vorhaben waren groß: im November/Dezember sollte ein ordentliches ZK-Plenum stattfinden, von dem wichtige Entscheidungen erwartet wurden. Eine der zentralen Fragen betraf die Organisation der Parteiführung. Das Präsidium des ZK der KPdSU war überaltert. Immer häufiger dachte mein Vater darüber nach, in wessen Hände die Führung des Landes und der Partei zu legen sei. Nach Stalins Tod hatte es Streitereien gegeben, die in offene Zusammenstöße mündeten. Um Ähnliches zu vermeiden, wollte mein Vater den Machtwechsel gesetzlich verankern und Offenheit (Glasnost) herstellen: Jedes Präsidiumsmitglied sollte nur mehr zwei Perioden à vier Jahre zwischen den Parteitagen im Amt sein.

Der XXII. Parteitag 1961 hatte bereits eine Resolution über den Wechsel in der Parteiführung verabschiedet. Aber das war nur der erste Schritt. Nun sollte es weitergehen und diese Prinzipien in der neuen Verfassung festgeschrieben werden.

Ich hörte von den Plänen meines Vaters. Auf dem Plenum beschloß man zunächst, das ZK-Präsidium zu erweitern. In den letzten Jahren war die Jugend herangewachsen – etwa Parteisekretär Alexander Scheljepin und viele andere. Diese Jüngeren sollten in den Machtwechsel einbezogen werden.

Im Haus meines Vaters auf den Leninhügeln Moskaus bewohnte ich, damals 33jährig, mit meiner Familie zwei Zimmer mit Bad auf der ersten Etage. Nur abends, wenn Vater Nikita von der Arbeit kam, saßen wir alle zusammen, tranken Tee und erzählten uns das Neueste. Danach nahm mein Vater seine Akten und begann zu lesen. Telephonate erledigte er nur in den dringendsten Fällen von zu Hause aus. Er mochte es überhaupt nicht, wenn man die übliche Arbeitszeit nicht einhielt. Das erinnerte ihn an die nächtlichen Überwachungen während der Stalinzeit. Als eines Abends das "staatliche" Telephon klingelte, war ich sehr verwundert, zumal mein Vater gerade in Kasachstan auf Dienstreise war und derjenige, der anrief, genau wußte, wo sich mein Vater aufhielt.

"Guten Abend Sergej, mit Ihnen spricht Wasilij Iwanowitsch Goljukow. Ich war Chef der Gruppe, die für den persönlichen Schutz von Ignatow (ein ehemaliges, 1961 nicht wiedergewähltes ZK-Präsidiumsmitglied, d. Red.) zuständig war."

Ich wunderte mich sehr. Worüber könnte dieser ehemalige KGB-Beamte mit uns sprechen wollen? "Hören Sie", beeilte sich Goljukow, "ich habe gehört, daß sich gegen Ihren Vater eine Verschwörung zusammenbraut. Darüber wollte ich ihn persönlich informieren. Von der Verschwörung erfuhr ich aus Gesprächen Ignatows. Es ist ein breiter Personenkreis darin verwickelt."

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

Ich dachte, er sei verrückt, und antwortete: "Da müssen Sie sich an den KGB wenden, am besten an Wladimir Semitschastnij (war damals KGB-Chef, d. Red.); der wird, falls nötig, Nikita Chruschtschow unterrichten."

"Das kann ich nicht. Semitschastnij ist selbst aktiv in die Verschwörung verwickelt, zusammen mit Scheljepin, Podgorny und anderen. Genosse Chruschtschow droht Gefahr!"

"Rufen Sie in ein paar Tagen noch mal an. Er kehrt bald zurück", versuchte ich ihn zu beruhigen. "Das wird mir kaum möglich sein. Vielleicht können Sie mich anhören und unser Gespräch Ihrem Vater berichten?" Ich zögerte. "Nun gut. Geben Sie mir Ihre Adresse, und ich komme heute abend bei Ihnen vorbei." "Nein, nein, das geht nicht. Es ist besser, wenn wir uns irgendwo auf der Straße treffen." Wir vereinbarten, daß ich mit meinem Auto zu einer bestimmten Straßenecke fahren und ihn dort zusteigen lassen sollte.

An der vereinbarten Straßenecke entdeckte ich die Umrisse einer einsamen Männergestalt. Ich hielt an. "Sind Sie Wasilij Iwanowitsch Goljukow?" Der Mann nickte und schaute sich um. Vorsichtig setzte er sich auf den Vordersitz neben mich. Ich fuhr los. "Lassen Sie uns rausfahren, irgendwo in ein Wäldchen, dort ist es ruhiger", schlug der Mann vor. Dort angekommen, begann Goljukow: "Als ich 1961 in Pension ging, blieb ich mit Ignatow befreundet. Er beschaffte mir einen sorgenfreien Posten bei sich in der Wirtschaftsabteilung. Eine besondere Arbeit gab es da nicht. Wenn Ignatow in den Urlaub oder auf Dienstreise fuhr, begleitete ich ihn. So auch in diesem Jahr."

Während der Sommermonate schien sich nun Ignatow häufig mit den Ersten Sekretären verschiedener Gebiets- und Stadtkomitees zu Gesprä-

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chen unter vier Augen getroffen zu haben. Goljukow fiel dabei auf, daß sich Ignatow wiederholt negativ über Chruschtschow äußerte und Andeutungen über bevorstehende wichtige Veränderungen auf höchster Ebene machte.

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

"Seit seiner Entlassung aus dem ZK-Präsidium schimpfte er häufig über den Genossen Chruschtschow. Früher spürte man, daß er vor Chruschtschow stets auch Angst hatte. Doch nun plötzlich deutete er an, daß man von Chruschtschow nichts mehr zu befürchten habe. Das waren völlig neue Töne." Goljukow fuhr fort: "Am 29. August wurde Ignatow überraschend von Breschnjew angerufen. Ich war bei diesem Gespräch dabei. Ignatow sagte: ‚Da ist noch etwas. Ich habe mit Zarobjan aus Armenien (damals Erster ZK-Sekretär der KP Armeniens, d. Red.) gesprochen, er hat die richtige Einstellung. Er gehört zu uns. Lenja, ich bitte dich noch um eines, das Ganze muß bis November gelaufen sein.‘ All das erweckte meine Neugierde. Vor allem die häufigen Anrufe von Breschnjew, Podgorny und Kirilenko... Was eigentlich sollte bis November gelaufen sein?"

Wir waren fast zwei Stunden gegangen. Ich dankte dem Mann für seine Mitteilung. Ich versprach, meinen Vater zu unterrichten, sobald er zurück sei. "Bitte rufen Sie mich nur im äußersten Notfall an", sagte er zum Abschied, "ich bin überzeugt, daß mein Telephon abgehört wird."

Bis zu jener Zeit war ich es gewöhnt, daß der KGB und andere Staatssicherheitsdienste unsere Seite unterstützten. Ihnen konnte man vertrauen. Ich hielt diese Leute immer für Freunde, ja sogar für einstige Kameraden meiner Kinderspiele. Nun plötzlich verteidigte uns diese Institution nicht mehr, sondern verfolgte uns.

Einige Tage später kam mein Vater vom Besuch des Raketenzentrums in Kasachstan zurück, braungebrannt von der Herbstsonne der Wüste. Auf dem Versuchsgelände hatte man ihm das Raumschiff "Washod" mit drei Mann Besatzung vorgeführt, das in den nächsten Tagen starten sollte. Mein Vater war voller Stolz. Als er Anfang der 50er Jahre Erster ZK-Sekretär wurde, schienen die USA unerreichbar zu sein. Jetzt, zehn Jahre später, gestand der Präsident der USA, Kennedy, ein, daß es zwischen der UdSSR und den USA ein militärisches Gleichgewicht gebe. Das war schon etwas, worauf man stolz sein konnte.

26. September: Nach der Rückkehr des Vaters machten sich am Samstag abend alle wie gewöhnlich auf den Weg zur Datscha. Unser Leben folgte den gewohnten Ritualen: Sonntag morgen Frühstück; Vater sieht die Zeitungen durch, markiert die für ihn interessanten Artikel; dann der Spaziergang.

Wir gingen zu zweit. Das unangenehme Gespräch durfte ich nicht länger aufschieben. "Weißt du", fing ich an, "es ist etwas Ungewöhnliches passiert. Vielleicht ist es Quatsch, aber ich habe nicht das Recht zu schweigen." Ich berichtete kurz von dem Treffen mit Goljukow. Vater hörte mir schweigend zu. "Wiederhole, wen der Mann erwähnt hat", bat er. "Ignatow, Podgorny, Breschnjew und Scheljepin", zählte ich auf. "Nein, das ist unwahrscheinlich. Breschnjew, Podgorny und Scheljepin sind völlig unterschiedliche Menschen. Das kann nicht sein", antwortete er. "Ignatow? Das ist möglich. Er ist sehr unzufrieden, und überhaupt ist er ein schlechter Mensch. Aber was sollte er mit den anderen gemein haben? Sag zu niemandem etwas."

Am Montag abend in Moskau, als Vater vom Kreml nach Hause kam, führte er das Gespräch vom Sonntag fort. "Was du erzählt hast, ist offenbar dummes Zeug. Ich habe Anastas Mikojan (damals Staatspräsident, d.Red.) und Nikolai Podgorny (damals Präsidiumsmitglied, d.Red.) in zwei Worten deine Erzählung geschildert. Podgorny lachte mich einfach nur aus: ‚Wie konnten Sie nur so etwas denken, Genosse Nikita?‘"

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

Mir rutschte fast das Herz in die Hose. Genau das hatte noch gefehlt: sich Feinde auf der Ebene der ZK-Präsidiumsmitglieder zu machen. Wenn es tatsächlich dummes Zeug war, was mir Goljukow erzählt hatte, dann würden mir Podgorny und die anderen diese Geschichte niemals verzeihen.

"Am Mittwoch fahre ich, wie geplant, in den Urlaub ans Schwarze Meer nach Pizunda", fuhr Vater fort, "und ich habe Mikojan gebeten, sich mit diesem Mann zu unterhalten. Er soll dessen Berichte überprüfen." Ich machte mir Sorgen. Alles war danebengeraten. Auf jeden Fall befand ich mich in einer sehr unangenehmen Lage. Wenig später meldete sich Mikojan und bat um ein Treffen mit Goljukow. Gewöhnlich empfing mich Anastas Mikojan freundschaftlich, erzählte verschiedene Neuigkeiten und machte Witze. Diesmal aber war er kühl und offiziell.

Nun berichtete Goljukow, was er mir im Wald erzählt hatte. "Genosse Goljukow", unterbrach ihn Mikojan, "Sie sagen selbst, daß Ignatow den Genossen Chruschtschow schon lange ablehnt. Warum wenden Sie sich erst jetzt an uns?"

"Früher maß ich dem Schimpfen Ignatows keine besondere Bedeutung bei. In diesem Sommer jedoch sprach Ignatow häufig von der Unzufriedenheit der Militärs. ‚Die haben‘ so sagt er, ‚Chruschtschow satt mit seinen ewigen Kürzungen, und zwar bis zum Halse. Die warten nur, bis man ihn...‘. Ignatow drehte mit Genuß den Finger um. Ich glaube, daß Ignatow von meinen Gesprächen mit Sergej erfuhr. Er ist jetzt sehr wachsam." Und Goljukow betonte: "Bevor ich Ihnen meine Mitteilungen machte, habe ich mich überzeugt, daß meine Worte wahr sind. Als Kommunist und Tschekist kann ich nicht anders handeln."

Mikojan antwortete: "Ich danke Ihnen. Aber ich möchte anmerken, daß wir auch Nikolai Wiktorowitsch Podgorny, Leonid Ilitsch Breschnjew, Alexander Nikolaitsch Scheljepin und andere Genossen als ehrliche Kommunisten kennen, die seit vielen Jahren ihre Kräfte selbstlos dem Wohle des Volkes und dem Wohle der Kommunistischen Partei hingeben."

Seit jener Unterredung machte ich mir um Goljukow große Sorgen; wahrscheinlich wußte Ignatow alles und versäumte nicht, mit dem "Verräter" abzurechnen. Auf Umwegen habe ich dann später erfahren, daß er wohl Schwierigkeiten bekam, daß man sich aber nicht ernsthaft mit ihm beschäftigte und ihn schließlich in Ruhe ließ.

Wenig später fuhr auch ich in den Urlaub zu meinem Vater nach Pizunda; Mikojan war dort bereits eingetroffen. Auftragsgemäß hatte ich von der Unterredung zwischen Goljukow und Mikojan ein Protokoll angefertigt und es mitgebracht. "Gib sie Anastas Mikojan", sagte mein Vater, "gestern kam Worobew, der Krasnojarer Gebietskomitee-Sekretär", fuhr er fort. "Wir haben ihn über diese Gerüchte ausgefragt. Er hat alles verneint. Es scheint, daß sich nichts dergleichen zugetragen hat." Vater hielt das Thema für erledigt.

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

Ich war verblüfft. Die beiden haben also in jenen Tagen nicht nur nichts unternommen; sie versuchten erst gar nicht herauszufinden, ob die Darlegungen nicht doch der Wahrheit entsprachen. Wenn dieser Worobew sich mit Ignatow verabredet hat, wenn er etwas wußte, dann wird er ihnen doch nichts sagen! Was erwarteten sie denn? Etwa ein Geständnis über Vorbereitungen zum Sturz Chruschtschows? Wie ist diese Naivität, wie diese Leichtsinnigkeit zu erklären?

Erst viel später verstand ich das Verhalten meines Vaters. Er wollte nicht an die Möglichkeit einer solchen Wende glauben. Die Menschen, die da beschuldigt wurden, waren seine Freunde seit zehn Jahren. Wenn man ihnen nicht mehr trauen konnte: wem dann? Zudem war mein 70jähriger Vater maßlos müde, moralisch und physisch. "Alles soll seinen Lauf nehmen, ich werde mich nicht einmischen", scheint er sich gesagt zu haben.

12. Oktober. An diesem Tag sollte das Raumschiff "Washod" mit drei Mann Besatzung zur Umlaufbahn starten. Vater verfolgte den Start aufmerksam. Er war ein Liebhaber der Raketen- und Weltraumtechnik und begeisterte sich für jeden neuen Schritt.

Gewöhnlich wurde Vater sofort nach dem Start vom stellvertretenden Ministerratsvorsitzenden, der für Raketentechnologie verantwortlich war, angerufen und über die Resultate informiert. Doch heute schwieg das Telephon. Vater beschäftigte sich mit irgendwelchen Papieren, konnte sich aber nicht konzentrieren. Dauernd schaute er zu dem massiven weißen Apparat hinüber. Es vergingen 30 bis 40 Minuten. Offenbar hatte man den Ersten Sekretär der KPdSU einfach vergessen; niemand interessierte sich mehr für seine Meinung und seine Anordnungen. Irgend etwas Unheilverkündendes war in dem Schweigen des Telephonapparats. Endlich befahl er, den stellvertretenden Ministerratsvorsitzenden Smirnow anzurufen. "Genosse Smirnow", sagte er reserviert, "wie ging der Start der Kosmonauten? Warum berichten Sie nicht?" Aus seiner Stimme hörte man Ärger heraus. Smirnow antwortete wohl, daß die Kosmonauten bereits auf der Umlaufbahn seien und sich gut fühlten. "Und warum haben Sie mich nicht unterrichtet?" Der Ärger wurde zur Wut. "Sie sind verpflichtet, mir unverzüglich die Ergebnisse zu melden!"

Wahrscheinlich sagte Smirnow, daß er nicht dazu gekommen sei, ihn anzurufen. Er wußte natürlich schon alles und beeilte sich nicht, Vater anzurufen. Für ihn hatte der Machtwechsel faktisch schon stattgefunden.

Wir aßen alle zusammen zu Mittag. Danach blieb Vater im Eßzimmer und vertiefte sich in seine Akten. Unter den Papieren befand sich auch ein Bericht des Iswestija-Chefredakteurs Adschubej. Vor kurzem war Adschubej in der Rolle eines persönlichen Vertreters Chruschtschows in Westdeutschland gewesen. Die Ära Adenauer war zu Ende, und beide Länder betasteten vorsichtig den Boden für eine Annäherung. Adschubej war hierfür geeignet. Er war kein Repräsentant; gleichwohl war er als Schwiegersohn des Staats- und Parteichefs ein Mann des Vertrauens: Alles, was man ihm sagt, kommt demjenigen zu Ohren, für den es bestimmt ist. In diese Reise setzte Vater große Hoffnungen. Im Falle eines Erfolges wollte er selbst den Westdeutschen einen Besuch abstatten.

Doch irgend etwas war schiefgegangen. Die Nachrichtendienste der befreundeten Länder verfolgten jeden Schritt Adschubejs in Bonn und waren bemüht, kein Wort zu versäumen. Laut einem dieser Berichte war Adschubej gefragt worden, ob die Verbesserung der Beziehungen zwischen Rußland und Westdeutschland auch die Existenz der Berliner Mauer berühre. Darauf soll Adschubej geantwortet haben, daß, wenn Chruschtschow käme und selbst sähe, was für gute Menschen die Deutschen seien, von der Mauer kein Stein auf dem anderen bliebe.

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

Über diesen Vorgang unterrichtete KGB-Chef Semitschastnj das ZK-Präsidium. In einer Erklärung dementierte Adschubej zwar diese Äußerung. Aber es hieß, sie sei auf Tonband festgehalten. Doch es war auch nicht auszuschließen, daß das Band vom Nachrichtendienst der BRD untergeschoben worden war, um einen Keil zwischen unsere Länder zu treiben. Jedenfalls kam das Band – wenn Goljukow recht hatte – genau zur richtigen Zeit. Diese Geschichte wurde nie aufgeklärt. Nach dem Rücktritt meines Vaters befaßte sich niemand mehr damit. Augenscheinlich war das Spiel zu Ende gespielt, die Bonner Affäre nützte schon niemandem mehr.

Es war Abend geworden. "Suslow rief an", wandte sich Vater an Anastas Mikojan, "anscheinend haben sich alle Präsidiumsmitglieder versammelt, und sie haben drängende landwirtschaftliche Probleme, die man noch vor der Plenumssitzung erörtern muß. Sie bestehen darauf, daß ich morgen nach Moskau fliege. Kommst du mit?"

"Natürlich."

"Weißt du, Anastas, eigentlich haben wir keine unaufschiebbaren landwirtschaftlichen Probleme. Ich denke, daß dieser Anruf mit dem zu tun hat, worüber Sergej berichtete ..." Das weitere Gespräch habe ich nicht gehört. Erst später erfuhr ich, daß Vater zu Mikojan ungefähr folgendes sagte: "Wenn es um mich geht – ich werde nicht kämpfen."

13. Oktober – der letzte Morgen der "ruhmreichen zehn Chruschtschow-Jahre": Vater war vollkommen ruhig. Nach dem Frühstück scherzte er wie gewöhnlich mit der Haushälterin, die ihn am Tisch bediente, und klagte über seine Diät. Dann sprach er kurz mit seinen Helfern über die aktuellen Geschäfte. Nach dem Frühstück sah er Akten durch. Nur eines war seltsam: Die Telephone schwiegen.

Der Flug von Pizunda nach Moskau bot nichts Außergewöhnliches. Doch am Flughafen Vnukovo II in Moskau erwartete ihn niemand. In den letzten Jahren kamen ZK-Präsidiumsmitglieder stets scharenweise, um Vater zu begrüßen oder zu verabschieden. Jetzt geht einzig KGB-Chef Semischastnj auf Vater zu, begrüßt ihn höflich, aber zurückhaltend: "Alle haben sich im Kreml versammelt. Man erwartet Sie." Chruschtschow und Mikojan fahren in den Kreml, ich fahre nach Hause.

Erst gegen 20 Uhr kommt Vater. Er sieht zerstreut und sehr müde aus. "Alles ist so geworden, wie du sagtest", sind seine ersten Worte. "Fordert man deinen Rücktritt von allen Posten?" frage ich. "Vorerst nur von irgendeinem, aber das ist nur der Anfang. Man muß auf alles gefaßt sein..." Vater verstummt. "Stell keine weiteren Fragen. Ich bin müde und muß nachdenken..."

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

Schweigend geht er ins Schlafzimmer und läßt Tee kommen. Niemand von uns mag ihn mit Fragen stören. Doch was war im Präsidium geschehen? Endlich erfährt mein Freund Sergo, Sohn des Anastas Mikojan, daß sein Vater dem Akademiker Arzumanjan von der Sitzung berichtet hat. Sogleich fahren wir zu Arzumanjan nach Hause.

"Anastas bat, unser Gespräch geheim zu halten", meint Arzumanjan zur Begrüßung, "aber Ihnen kann ich es ja sagen. Die Lage ist sehr ernst. Gegen Nikita Chruschtschow wurden verschiedene Anschuldigungen erhoben. Die Präsidiumsmitglieder forderten seine Amtsenthebung. Die Sitzung war sorgfältig vorbereitet: Mit Ausnahme von Mikojan traten alle in einer geschlossenen Front auf und beschuldigten Chruschtschow mehrerer Verfehlungen. Vor allem die schlechten Erträge der Landwirtschaft wurden ihm angelastet. Doch es geht nicht um seine persönlichen Fehler, sondern um die Linie, die er eingeschlagen hat und weiter verfolgt. Wenn es ihn nicht mehr gibt, könnten die Stalinisten an die Macht kommen, und niemand weiß, was passiert."

Schon einmal, 1957, forderte die Mehrheit der Präsidiumsmitglieder seinen Rücktritt. Aber das Plenum entschied damals anders. Jetzt sprach alles dafür, daß sich die Erfahrung von 1957 nicht wiederholen läßt, denn auch die Mehrheit der ZK-Mitglieder war mit vielen Neueinführungen Chruschtschows unzufrieden.

Es gab auch erfundene Beschuldigungen. Zum Beispiel warf man Vater vor, daß er auf Auslandsvisiten seine Frau oder die Kinder auf Staatskosten mitgenommen habe. Den Präsidiumsmitgliedern war indessen bekannt, daß die Mitnahme der Familie aus staatspolitischen Gründen vom Außenministerium erwünscht worden war. Arzumanjan ergänzt: "Mikojan machte den Vorschlag, Chruschtschow von den Verpflichtungen des Ersten ZK-Sekretärs zu befreien und ihm das Amt des Ministerratsvorsitzenden der UdSSR zu überlassen. Aber auch das wurde abgelehnt."

Zu jenem Zeitpunkt wußten wir nicht, daß Vater bereits beschlossen hatte, seinen Rücktritt ohne Kampf einzureichen. Spät abends ruft er Mikojan an. "Ich bin schon alt und müde. Sollen sie jetzt selber zurechtkommen. Das Wichtigste habe ich getan. Der Führungsstil hat sich von Grund auf geändert. Hätte sich etwa jemand träumen lassen, daß wir Stalin sagen, er passe uns nicht mehr

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und solle den Rücktritt antreten? Von uns wäre kein feuchter Fleck übriggeblieben. Jetzt ist alles anders. Die Angst ist verschwunden, und das Gespräch findet unter gleichen statt. Darin besteht mein Verdienst. Ich werde nicht kämpfen."

"Ich werde nicht mehr kämpfen"

14. Oktober: Vater kommt vom Kreml bereits gegen zwei Uhr nach Hause. Er drückt mir seine schwarze Aktenmappe in die Hand und sagt nichts; er atmet einfach aus. "Schluß. Ich bin zurückgetreten ... Ich habe selbst das Gesuch geschrieben, mich aus gesundheitlichen Gründen der Ämter zu entheben. Jetzt muß das Plenum den Entschluß bestätigen. Ich habe gesagt, daß ich mich der Disziplin beuge und alle Entscheidungen, die das ZK trifft, erfüllen werde." Was sonst noch auf der Sitzung geschah, sagt Vater nicht. Erst Jahre später habe ich weitere Einzelheiten erfahren, etwa, daß die schwersten Vorwürfe seiner Außenpolitik galten. Jetzt, am 14. Oktober 1964, will mein Vater nicht auch noch vor das ZK-Plenum treten. Eigentlich sollten Podgorny oder Breschnjew ihn vertreten. Diese aber lehnen ab, da sie viele Jahre mit Vater zusammengearbeitet haben. Schließlich wird Suslow als Chefideologe beauftragt, die Rede zu halten.

Nach dem Essen geht Vater spazieren. Alles ist anders an diesem Tag; ein Spaziergang während der Arbeitszeit und seine Ziellosigkeit. Wir gehen schweigend. Schließlich halte ich das Schweigen nicht mehr aus und frage: "Wer wurde ernannt?"

"Erster Sekretär wird Breschnjew und der Vorsitzende des Ministerrats wird Kossygin. Breschnjew zu beurteilen ist schwer. Er hat einen zu weichen Charakter, und er beugt sich zu sehr fremden Einflüssen. Ich weiß nicht, ob er die Kraft hat, die richtige Linie zu verfolgen. Aber ich bin jetzt Pensionär, das ist nicht mehr meine Angelegenheit." In seinen Mundwinkeln bilden sich bittere Falten.

Abends kommt Mikojan zu uns. "Man bat mich, dir folgendes zu sagen", beginnt er förmlich. "Datscha und Stadtwohnung (das Haus auf den Leninhügeln, d. Red.) bleiben dir auf Lebenszeit erhalten. Schutz- und Dienstpersonal bleiben ebenfalls, aber die Leute werden ausgewechselt." Vater lacht. "Es wird dir eine Pension ausgesetzt, 500 Rubel im Monat, ein Auto wird gestellt. Das Amt als Mitglied des Obersten Sowjets soll dir erhalten bleiben, allerdings ist die endgültige Entscheidung noch nicht getroffen. Ich schlug noch vor, für dich das Amt eines Beraters des ZK-Präsidiums zu gründen, aber dies wurde abgelehnt."

"Das hast du umsonst gemacht", sagte Vater, "aber es ist gut zu wissen, daß man einen Freund zur Seite hat."

Anastas Mikojan umarmte und küßte meinen Vater. Damals war es in der Führung nicht üblich, sich zu küssen. Deswegen rührte dieser Abschied uns alle.

Mikojan ging schnell zum Tor, Nikita sah ihm nach. Sie haben sich seitdem nicht mehr getroffen.