"Seit seiner Entlassung aus dem ZK-Präsidium schimpfte er häufig über den Genossen Chruschtschow. Früher spürte man, daß er vor Chruschtschow stets auch Angst hatte. Doch nun plötzlich deutete er an, daß man von Chruschtschow nichts mehr zu befürchten habe. Das waren völlig neue Töne." Goljukow fuhr fort: "Am 29. August wurde Ignatow überraschend von Breschnjew angerufen. Ich war bei diesem Gespräch dabei. Ignatow sagte: ‚Da ist noch etwas. Ich habe mit Zarobjan aus Armenien (damals Erster ZK-Sekretär der KP Armeniens, d. Red.) gesprochen, er hat die richtige Einstellung. Er gehört zu uns. Lenja, ich bitte dich noch um eines, das Ganze muß bis November gelaufen sein.‘ All das erweckte meine Neugierde. Vor allem die häufigen Anrufe von Breschnjew, Podgorny und Kirilenko... Was eigentlich sollte bis November gelaufen sein?"

Wir waren fast zwei Stunden gegangen. Ich dankte dem Mann für seine Mitteilung. Ich versprach, meinen Vater zu unterrichten, sobald er zurück sei. "Bitte rufen Sie mich nur im äußersten Notfall an", sagte er zum Abschied, "ich bin überzeugt, daß mein Telephon abgehört wird."

Bis zu jener Zeit war ich es gewöhnt, daß der KGB und andere Staatssicherheitsdienste unsere Seite unterstützten. Ihnen konnte man vertrauen. Ich hielt diese Leute immer für Freunde, ja sogar für einstige Kameraden meiner Kinderspiele. Nun plötzlich verteidigte uns diese Institution nicht mehr, sondern verfolgte uns.

Einige Tage später kam mein Vater vom Besuch des Raketenzentrums in Kasachstan zurück, braungebrannt von der Herbstsonne der Wüste. Auf dem Versuchsgelände hatte man ihm das Raumschiff "Washod" mit drei Mann Besatzung vorgeführt, das in den nächsten Tagen starten sollte. Mein Vater war voller Stolz. Als er Anfang der 50er Jahre Erster ZK-Sekretär wurde, schienen die USA unerreichbar zu sein. Jetzt, zehn Jahre später, gestand der Präsident der USA, Kennedy, ein, daß es zwischen der UdSSR und den USA ein militärisches Gleichgewicht gebe. Das war schon etwas, worauf man stolz sein konnte.

26. September: Nach der Rückkehr des Vaters machten sich am Samstag abend alle wie gewöhnlich auf den Weg zur Datscha. Unser Leben folgte den gewohnten Ritualen: Sonntag morgen Frühstück; Vater sieht die Zeitungen durch, markiert die für ihn interessanten Artikel; dann der Spaziergang.

Wir gingen zu zweit. Das unangenehme Gespräch durfte ich nicht länger aufschieben. "Weißt du", fing ich an, "es ist etwas Ungewöhnliches passiert. Vielleicht ist es Quatsch, aber ich habe nicht das Recht zu schweigen." Ich berichtete kurz von dem Treffen mit Goljukow. Vater hörte mir schweigend zu. "Wiederhole, wen der Mann erwähnt hat", bat er. "Ignatow, Podgorny, Breschnjew und Scheljepin", zählte ich auf. "Nein, das ist unwahrscheinlich. Breschnjew, Podgorny und Scheljepin sind völlig unterschiedliche Menschen. Das kann nicht sein", antwortete er. "Ignatow? Das ist möglich. Er ist sehr unzufrieden, und überhaupt ist er ein schlechter Mensch. Aber was sollte er mit den anderen gemein haben? Sag zu niemandem etwas."

Am Montag abend in Moskau, als Vater vom Kreml nach Hause kam, führte er das Gespräch vom Sonntag fort. "Was du erzählt hast, ist offenbar dummes Zeug. Ich habe Anastas Mikojan (damals Staatspräsident, d.Red.) und Nikolai Podgorny (damals Präsidiumsmitglied, d.Red.) in zwei Worten deine Erzählung geschildert. Podgorny lachte mich einfach nur aus: ‚Wie konnten Sie nur so etwas denken, Genosse Nikita?‘"