14. Oktober: Vater kommt vom Kreml bereits gegen zwei Uhr nach Hause. Er drückt mir seine schwarze Aktenmappe in die Hand und sagt nichts; er atmet einfach aus. "Schluß. Ich bin zurückgetreten ... Ich habe selbst das Gesuch geschrieben, mich aus gesundheitlichen Gründen der Ämter zu entheben. Jetzt muß das Plenum den Entschluß bestätigen. Ich habe gesagt, daß ich mich der Disziplin beuge und alle Entscheidungen, die das ZK trifft, erfüllen werde." Was sonst noch auf der Sitzung geschah, sagt Vater nicht. Erst Jahre später habe ich weitere Einzelheiten erfahren, etwa, daß die schwersten Vorwürfe seiner Außenpolitik galten. Jetzt, am 14. Oktober 1964, will mein Vater nicht auch noch vor das ZK-Plenum treten. Eigentlich sollten Podgorny oder Breschnjew ihn vertreten. Diese aber lehnen ab, da sie viele Jahre mit Vater zusammengearbeitet haben. Schließlich wird Suslow als Chefideologe beauftragt, die Rede zu halten.

Nach dem Essen geht Vater spazieren. Alles ist anders an diesem Tag; ein Spaziergang während der Arbeitszeit und seine Ziellosigkeit. Wir gehen schweigend. Schließlich halte ich das Schweigen nicht mehr aus und frage: "Wer wurde ernannt?"

"Erster Sekretär wird Breschnjew und der Vorsitzende des Ministerrats wird Kossygin. Breschnjew zu beurteilen ist schwer. Er hat einen zu weichen Charakter, und er beugt sich zu sehr fremden Einflüssen. Ich weiß nicht, ob er die Kraft hat, die richtige Linie zu verfolgen. Aber ich bin jetzt Pensionär, das ist nicht mehr meine Angelegenheit." In seinen Mundwinkeln bilden sich bittere Falten.

Abends kommt Mikojan zu uns. "Man bat mich, dir folgendes zu sagen", beginnt er förmlich. "Datscha und Stadtwohnung (das Haus auf den Leninhügeln, d. Red.) bleiben dir auf Lebenszeit erhalten. Schutz- und Dienstpersonal bleiben ebenfalls, aber die Leute werden ausgewechselt." Vater lacht. "Es wird dir eine Pension ausgesetzt, 500 Rubel im Monat, ein Auto wird gestellt. Das Amt als Mitglied des Obersten Sowjets soll dir erhalten bleiben, allerdings ist die endgültige Entscheidung noch nicht getroffen. Ich schlug noch vor, für dich das Amt eines Beraters des ZK-Präsidiums zu gründen, aber dies wurde abgelehnt."

"Das hast du umsonst gemacht", sagte Vater, "aber es ist gut zu wissen, daß man einen Freund zur Seite hat."

Anastas Mikojan umarmte und küßte meinen Vater. Damals war es in der Führung nicht üblich, sich zu küssen. Deswegen rührte dieser Abschied uns alle.

Mikojan ging schnell zum Tor, Nikita sah ihm nach. Sie haben sich seitdem nicht mehr getroffen.