Marian Engel: Bär

Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen einer Frau, Lou aus Toronto, und einem Bären. Eine konkrete Liebesgeschichte übrigens, keine mystische Urszene im Nirgendwo des sogenannten Unterbewußtseins, konkret sowohl in den sodomistischen Details als auch in der luziden historischen Situierung des Geschehens. Lou ist Bibliothekarin, geschichtsbewußte Kanadierin, und sie begegnet dem Bären auf der Suche nach dokumentarischem Material zu Kanadas Siedlungsgeschichte. Diese Suche geht leer aus.

Was Lou vorfindet im verlassenen Haus jenes alten Siedlerpioniers Cary, ist importiertes Europa: eine komplette Bibliothek des viktorianischen Zeitalters, verschleppt mitten in die Wildnis... Auch der Bär entpuppt sich als Import, als romantisches Maskottchen gewissermaßen. Denn Pionier Cary ahmte, indem er sich den Bären an der Kette hielt, nur Lord Byron nach. Seltsamerweise wird Lou gerade von der romantischen Vereinnahmung des Bären stimuliert. Sie sucht in ihm den Über-Mann, stark, gütig und scharf; durchaus phallozentrisch spitzen ihre Wünsche sich zu. Indem sie mit ihm spielt und schwimmt, wähnt sie das angekettete Totemtier zu befreien, doch es wird immer deutlicher, daß sie es mißbraucht, daß die Fremdheit zwischen ihnen unaufhebbar bleibt – unergründlich der Bärenpelz, in den sie forschend eindringt: kein Märchenprinz verbirgt sich darunter. Trotzdem, wenn sie miteinander spielen, scheint manchmal der Bär aus seiner Abwesenheit zu erwachen, ist es, als schlage für wenige beiläufige, schmerzliche Momente Natur gleichsam die Augen auf. Für Lou sind es Augenblicke der Entsagung, deren wilder, ausschließlich sensueller „Sinn“ sich ihr erst im Rückblick erschließt.

Die eigenwillige und eigentümliche Geschichte eines aufregenden, lehrreichen Scheiterns. Kein Wunder, daß die Novelle „Bär“ (Deutsch von Gabriele Brößke; Weismann Verlag/ Frauenbuchverlag, München; 176 S., 28,– DM) Marian Engel schlagartig berühmt machte – in Kanada allerdings nur und vor zehn Jahren. 1986 starb sie, 53 Jahre alt, ohne das Erscheinen ihrer ersten (sehr gelungenen) Übersetzung ins Deutsche noch zu erleben. Michael Querbach

Hermann Kinder: Kina Kina

In den Forschungsstationen der Antarktis bekommen sie spätestens zur Hälfte des Polarwinters das „große Auge“. Hermann Kinder, den es im letzten Jahr vom Bodensee ans Ostasiatische Meer verschlug, hat es auch ausgebildet beim Survival-Training im Reich der Mitte. Sein zu einer Erzählung umkomponierter Reisebericht (Haffmans Verlag, Zürich 1988; 150 S., 25,– DM) ist geradezu pointillistisch angelegt. Momentaufnahme um Momentaufnahme, Eindruck um Eindruck, Mosaiksteinchen um Mosaiksteinchen komplettiert sich das Bild einer Welt, deren Fremdheit nicht weicht, gerade auch weil ihre ferntouristisch vermarktete Exotik dem genauen Hinsehen nicht standhält und die Sehenswürdigkeiten schäbig zerbröseln.

Mit der „strammen sozialistischen Leistung“ von neun Stunden Verspätung landet der Protagonist Johann Andermatt in Shanghai: „Shanghai? Wo denn? Dreizehn Millionen und ein Lichtermeer wie Wunsiedel by night.“ Die Bewährungsprobe beginnt: in der Hitze, den Menschenfluten, dem Lärm, im universitären Halbfertigbeton. Präpariert auf den zeitgenössischen „literarischen Diskurs“ als Produkt „soziogener Ich-Entfremdung“ findet sich der Export-Professor in einer besseren Übersetzungsübung für angehende Dolmetscher wieder. Immerhin lernt er dabei das Zensieren – nicht seiner Studenten, sondern der Texte, denn sexuelle Ein- und Mehrdeutigkeiten sind tabu.

Dem Schrumpfen des akademischen Spielraums steht die Erweiterung des äußeren Erfahrungshorizonts gegenüber, ein allmähliches sich Orientieren und Zurechtfinden, das den eigentlichen Reiz von Kinders Erzählung ausmacht. Andermatt kämpft sich aus seinem Zimmer, erobert – nach drei Anläufen – den Bus, erkundet auf eigene Faust die Stadt und, solange es die Darmflöra zuläßt, die Kulturerzeugnisse des Umlands. Die zwei waghalsigsten Expeditionen aber unternimmt er unmittelbar vor seiner vorzeitigen Rückreise, die – von oben angeordnet – fast einer Abschiebung gleichkommt. Bei diesen Ausflügen gelangt er in das Zehnbettzimmer eines Studentinnenwohnheims, in die achtzehn Quadratmeter-Wohnung eines chinesischen Kollegen. Und spätestens da gehen auch dem Leser die Augen auf. Ulrich Horstmann