Regensburg

Wenn die Katholische Kirche einen Kinofilm verteufelt, wird die bayerische Bischofsstadt Regensburg zum Wallfahrtsort. Journalisten von weither pilgern dann zum Ostentor-Programmkino und erwarten die Reaktion der Regensburger Radikalkatholiken. „Je weiter sie weg sind“, schimpft ein Redakteur der Mittelbayerischen Zeitung, „desto besser wissen’s Bescheid, wie wir hier hinterm Mond sind. Aber hier passiert nichts.“

Werner Hofbauer ist da nicht so sicher. Er betreibt das Regensburger Programmkino, eins von sieben Kinos in Bayern, die es wagen, Martin Scorseses umstrittenen Film „Die letzte Versuchung Christi“ zu zeigen. Anfangs, meint er, seien die Protestaktionen „ja noch eine prima Reklame“ gewesen. Aber je näher der Anlauftermin rückte, desto deutlicher wurden die Drohungen, daß Gott „seiner nicht spotten“ lasse, daß „französische Christen wegen so was Kinos anzünden“, daß er im „eigenen Interesse die richtige Entscheidung treffen“ solle. Am Mittwoch letzter Woche, einen Tag vor der ersten Vorstellung, kündigte eine „Christliche Aktion“ an, sie werde Hofbauers „Kino unbespielbar machen“ – jetzt stehen Polizisten am Eingang.

Doch niemand wirft den ersten Stein. Nur achtzehn Demonstranten, meist ältere Frauen, scharen sich hinter einem Kruzifix und murmeln monoton ihr Vaterunser. Obwohl sie ein Megaphon benutzen, hebt sich nur das rhytmische „Gebenedeit“ aus dem endlosen Monolog – zwei Rundfunkjournalisten schneiden mit.

Zur Nachmittagsvorstellung kommen wenige, fast durchweg junge Leute. Ungläubig schauen sie auf die bizarre Szene und verschwinden schnell im Kino. Der Christus, den sie drinnen sehen, ist so blutig wie die Gestalt am Kreuz der Demonstranten, er tut seine Wunder zwei Stunden lang so wundervoll, wie die Bibel sie beschreibt. Und der Skandal? In einer Folterphantasie am Kreuz sieht Jesus sich mit Maria Magdalena schlafen – 20 Sekunden lang, von den Schultern aufwärts, dann regt sich im Gegenlicht etwas unter einem Tuch. „Ihre Körper bewegen sich rhythmisch“, schrieb ein Bild-Reporter, der an dieser Stelle seine eigene Vision gehabt haben muß, noch ehe der Katholik Scorsese derlei Phantasien als Teufelswerk entlarvt.

„Ich kann nicht auf der einen Seite den Achternbusch spielen, obwohl damals die Proteste berechtigt waren, und dann den Scorsese nicht“, findet Werner Hofbauer. Die „letzte Versuchung“ sei nämlich „christlicher und vielleicht sogar katholischer als der ganze Passionsspielkitsch von Oberammergau plus Zweigstellen. Aber davon kann man sich nur überzeugen, wenn man sich den Film anschaut.“

Das ist das Problem. Scorseses Film „beleidigt die religiösen Gefühle der Gläubigen“, hat die Katholische Deutsche Bischofskonferenz schon vor Monaten festgestellt. Es wäre „völlig überflüssig“ gewesen, glaubt ihr Pressesprecher noch heute, wenn sich die Bischöfe vor ihrem Urteil den Film angesehen hätten.