München: „W/ORTE“

Als die Wörter anfingen, sich in die Bilder einzunisten, bei den Kubisten und Dadaisten, konnte man noch nicht ahnen, daß die Wörter, wie die Konzeptkunst es dann vorführte, an die Stelle von Bildern treten würden. Dabei war der Begriff noch ein Hinweis auf ein potentielles Kunstwerk, das im Falle der Ausführung darstellte, was das Wort meinte. Gelegentlich entstand der Eindruck, daß das Wort nicht bloß ein Ersatz war für das Bild, daß es schon das Bild selbst bedeutete. Aus dieser Vermutung ist nun Gewißheit geworden: Wenn Giovanni Anselmo an verschiedenen Stellen eines Raums das Wort „particolare“ an die Wände projiziert und so bestimmte Punkte als betrachtenswerte Details hervorhebt, dann ist das Wort identisch mit dem Bild. Gleiches gilt für eine Arbeit von Markus Kohn, bei der „pas être“ (nichtsein) und „paraitre“ (sichtbar werden) nicht vollständig gespiegelt werden und in Spiegelschrift die beiden Formulierungen zusammengezogen nun „nicht sichtbar werden“ lauten – hier entsteht aus dem Spiel mit Wörtern ein Lese-Bild. Als Wortspiel mit tieferer Bedeutung präsentiert sich auch das Wandbild von Ludger Gerdes: „Verstehen + Erklären“ hätte es heißen sollen, doch das V ist nach unten gerutscht, nun liest man „Erstehen + Verklären“. Das sind Beispiele einer Kunst, die auf die Sprache setzt und auf ihre Fähigkeit, auf ganz buchstäbliche Weise Schrift in Bilder zu verwandeln, ohne sich in Magrittes Fallstricken oder den Tautologien der Pop Art zu verheddern (auch dafür gibt es in der Ausstellung Belege). Thomas Locher zeigt, welches Material man zur Herstellung solcher Bilder braucht, er hat in einem riesigen Leuchtkasten den „Grundwortschatz“ aufgeschrieben. Worte ohne Bilder. Kunst zum Lesen. (Galerie der Künstler bis zum 24. November, Katalog 25 Mark) Helmut Schneider

Köln: „Köln sammelt – Zeitgenössische Kunst aus Kölner Privatbesitz“

Die segensreiche Wirkung des Kunsthandels auf das Museum – in Köln wird sie gegenwärtig mit Stolz sichtbar gemacht. Freilich geschieht dies auf einem Weg, der kein Umweg ist, nicht einmal ein Nebengleis, weil er mit dem Privatsammler einen wichtigen Mitakteur im traditionellen Spiel zwischen dem Kunst-Vermittler (dem Händler) und dem Kunst-Bewahrer (dem Museum) bringt: „Köln sammelt“ heißt die in den Ausstellungssälen und einem Teil des Souterrains ausgebreitete Schau im Museum Ludwig, die parallel zum Internationalen Kunstmarkt „Art Cologne“ das Augenmerk der Besucher auf fünfzehn Künstler und ebenso viele Werkgruppen richtet. Zu sehen ist ein Querschnitt weitgehend europäischer Kunst vor allem der fünfziger bis siebziger Jahre von einer so bemerkenswerten Qualität, wie sie eine von den Zufällen des Marktes abhängige Kunstmesse kaum so durchgängig bieten kann (selbst wenn manche der im Museum präsentierten Künstler in diesem Jahr auch zu den klassisch modernen Favoriten auf der Messeseite des Rheins zählen). Der Kölner Händler Rudolf Zwirner und Siegfried Gohr, der Direktor des Museums Ludwig, haben Sammler in Köln überzeugt, sich für fünf Wochen von einem Teil ihres privaten Kunstbesitzes zu trennen. Eine fabelhafte Ausstellung ist daraus geworden, mit der Beteiligung genannter und ungenannter Sammler – eine wirkungsvoll gehängte Schau, die auch ein kulturpolitisches Ziel verfolgt: Sie weist ganz gelassen darauf hin, was dem Museum Ludwig eigentlich fehlt, zum einem, weil es nicht das Interesse des Sammlerehepaares und der Mäzene Ludwig fand, zum anderen, weil kommunale Etats schon lange nicht mehr dehnbar genug sind, um kapitale Ankäufe möglich zu machen. Es geht im Prinzip um jene „Abstraktion der Poesie und Sinnlichkeit“, mit der Rudolf Zwirner heute den Bereich zwischen dem frühen Tapiès und Twombly, zwischen Fautrier, Rainer und Manzoni, Fontana und Kounellis, Beuys, Merz und Palermo umschreibt. Vieles wurde früh in Köln gezeigt und angeboten, und der Katalog weist gern auf Ausstellungen in Kunsthalle, Museum und Galerien hin, bei denen Kölner Sammler ihre Vorlieben haben entwickeln können. Neben Zwirner treten im Katalog-Verzeichnis vor allem Grewe, Ricke und Reckermann, auch Werner auf. In den Ausstellungssälen treten sie jetzt alle zurück, die Sammler wie die Händler, und lassen den Werken den Vortritt: die Gruppe der frühen Arbeiten von Tapiès oder die Fontanas und Manzonis lohnen allein schon den Besuch. (Museum Ludwig bis zum 11. Dezember; Katalog 38 Mark) Ursula Bode