Von Hanno Kühnert

Im Südwesten der Republik läuft ein spannender Thriller, der an der Oberfläche wie treuherzige und ein wenig verwirrende Länderpolitik aussieht. Die Rede ist von Lothar Späths Plan, den Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart und den Baden-Badener Südwestfunk (SWF) zusammenzulegen. Was bei Tageslicht betrachtet so recht niemand versteht, wird schlüssig und rund, wenn man es sich als einen Krimi denkt.

Es gibt die Schurken und die Opfer, die Opportunisten und Hehler, die Fahnder und das Volk. Freilich ist der Krimi nicht beendet, die Täter laufen noch unbestraft herum, dürfen heucheln und lügen. Die Detektive müssen erst Vermutungen anstellen und Beweise sammeln. Überführt ist noch niemand, aber gerade das macht den Krimi so aufregend, zumal er auf zwei Ebenen, auf der sichtbar-politischen wie auf der untergründig-schäbigen, reinste Wirklichkeit ist.

In seiner Regierungserklärung nach wiedererlangter absoluter Mehrheit sagte Lothar Späth (CDU) am 9. Juni 1988: Es „stellt sich für uns erneut die schon früher diskutierte Frage, ob die bisherige, historisch bedingte Struktur von zwei Rundfunkanstalten in Baden-Württemberg auch zukünftig noch ausreichend den Interessen der Anstalten und der Bedeutung des Landes gerecht zu werden vermag“. Man wolle deshalb mit der Regierung von Rheinland-Pfalz, die für den SWF mit zuständig ist, „Überlegungen anstellen“. Inzwischen hat die Stuttgarter Regierung im Parforce-Tempo bereits die Konturen eines neuen Senders festgelegt: SDR und SWF werden zu einem SWDR (Südwestdeutscher Rundfunk) fusioniert. Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bekommen je einen nur teilweise autonomen Landessender in Mainz und Stuttgart mit eigenem politischen Landesprogramm. Die anderen Wellen, darunter drei Fernsehprogramme, werden vom neuen SWDR mit Sitz in Baden-Baden betrieben, der über allem mit einer Generalintendanz thront.

Die Vorteile dieses Konstruktes, über das bereits am 21. November – womöglich endgültig – entschieden wird, sahen seine Planer erklärtermaßen (also auf der Tageslicht-Ebene) so: Eine Rationalisierung bringe Einsparungen; der neue Sender bereinige die unorganischen Sendergrenzen der Besatzungszeit (entlang einer Autobahn); er habe als zweitgrößter Sender nach dem WDR mehr Einfluß in der ARD; er stärke die Programmvielfalt (!), und er gebe Rheinland-Pfalz den lang entbehrten eigenen Landessender.

Da alle diese Argumente – außer dem letzten – bei Fachleuten Kopfschütteln hervorriefen, weil die Fusion weder Einsparungen noch Rationalisierung noch ein größeres Südwest-Gewicht in der ARD oder gar in Europa bringen, rätselten die Auguren an den wirklichen Motiven Späths herum. Da drängt sich dann der handfeste Krimi auf: Zwei lebendige Sender sollen sterben, aus ihren Organen und Gliedern soll ein schwarzer Riese gebaut werden; wenn sich die publizierten Motive dafür als fadenscheinig entpuppen, deuten Eile, Hartnäckigkeit und zielstrebiges Vorgehen auf andere, nicht genannte Beweggründe. Und da wird der Spurensucher nun in reichem Maße fündig. Er kann aus Vermutungen, Indizien und Interessen den Stoff des Thrillers mit hohem Wahrscheinlichkeitswert rekonstruieren.

Vor Zeiten war einmal ein eigener rheinlandpfälzischer Sender im Gespräch. Er wäre heute immer noch ein Defizit-Sender. Daß Lothar Späth nun diesen Sender als Untersender des künftigen SWDR mit den Gebühren des jetzigen SWF finanzieren will, entspricht weder seiner vorgeblichen Sparsamkeit noch seinen Pflichten als Landesvater. Es macht nur Sinn, weil er Bernhard Vogel zur Zerschlagung des SWF braucht: Der SWF ist eine Zweiländeranstalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz müssen ihn auflösen. Die Finanzierung ist der Preis für Vogels Hilfe beim Sendermord. Vogels Vorteil: Er kriegt endlich einen eigenen und dazu billigen Quasi-Landes-Sender.-