Frohe Kunde bahnt sich für die Aktionäre der Thyssen AG an. Das Unternehmen wird für das abgelaufene Geschäftsjahr (1. Oktober 1987 bis 30. September 1988) den höchsten Gewinn aller Zeiten präsentieren: deutlich mehr als eine Milliarde Mark. An diesem Segen, so geht aus einer noch unter Verschluß gehaltenen Vorstandsvorlage für den Aufsichtsrat hervor, sollen auch die Aktionäre in Form einer kräftig erhöhten Dividende teilhaben. Zuletzt zahlte Thyssen fünf Mark Dividende pro Aktie. Für Vorstandschef Dieter Spethmann dürfte mit diesem Abschluß ein seit langem gehegter Wunsch in Erfüllung gehen.

Bei Präsentationen seines Unternehmens vor deutschen und ausländischen Kreditinstituten beklagte er sich unlängst darüber, daß Thyssen an der Börse noch immer als Montanwert und deshalb viel zu niedrig bewertet werde. „Ein reiner Stahlkocher sind wir schon lange nicht mehr“, so Spethmann, tatsächlich sei Thyssen heute ein ertragsstarker Maschinenbau- und Stahlhandelskonzern. Nur noch ein knappes Viertel des Umsatzes werde mit der Produktion von Stahl erzielt. Hintergrund der Spethmannschen Worte ist die Furcht vor einer feindlichen Übernahme. „Wenn zahlungskräftige Investoren erst merken, wie billig Thyssen zu haben ist“, so Spethmann im kleinsten Kreis, „dann gnade uns Gott.“

Ostpolitik im Westen: Auf Einladung von Staatschef Fidel Castro reiste der Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, Otto Wolff von Amerongen, mit einer kleinen Verbands-Delegation fünf Tage durch das sozialistische Kuba. Dabei waren es allerdings kaum unmittelbare ökonomische Interessen, die den Trip des früheren Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) in die Karibik leiteten. Denn im Außenhandelsgeschäft zwischen der Bundesrepublik und Kuba läuft derzeit praktisch nichts.

Wegen des Verfalls der Weltmarktpreise für die Exportprodukte Zucker und Rohöl halbierten sich die Ausfuhreinnahmen des Landes binnen Jahresfrist. Ergebnis: Kuba ist praktisch pleite und auf absehbare Zeit kein attraktiver Geschäftspartner für den Westen. Die einzige kurzfristige Quelle für neue Deviseneriöse ist, so die westdeutschen Delegation, der Tourismus.

Der eigentliche Hintergrund der Reise ist denn auch politischer Natur: Kuba möchte weg von seiner einseitigen Abhängigkeit vom krisengeschüttelten Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und sucht engeren Kontakt zur Europäischen Gemeinschaft. Die bundesdeutsche Wirtschaft und der Ostblock-erfahrene Otto Wolff sollen dabei offensichtlich eine Pionierfunktion übernehmen.

Wer davon lebt, der Industrie Hochöfen, Stahlwerke oder Walzwerksanlagen verkaufen zu müssen, hat schwere Zeiten hinter sich Die einzige Ausnahme war die SMS Schloemann-Siemag AG, die – so der Vorstandsvorsitzende Heinrich Weiss – zehn fette Jahre erlebt hat. Nun aber muß abgespeckt und Personal abgebaut werden.

Offensichtlich gibt es einigen Nachholbedarf, in guten Zeiten kann man nämlich – nach Meinung des Vorstandsvorsitzenden – nicht rationalisieren. Nach bewährtem Rezept soll eine Beratungsfirma, die deutsche Tochter des US-Unternehmens A.T. Kearney, vor allen den Fertigungsbereich durchforsten und Vorschläge für Einsparungen machen.