Von Helmut Schödel

Die Fahrt nach Garmisch trat ich mit gemischten Gefühlen an. Ich war mit einem gewissen Dr. Ringsgwandl verabredet, einem, wie es mir damals schien, eher unheimlichen Mann. Das Rätsel seines Namens hatte ich inzwischen gelöst: Im Mittelhochdeutschen bedeutete „ring“ soviel wie „gering, klein, schlecht“. Der Name schien auf Gewand und Stand zu verweisen.

Ich wäre mir an diesem Nachmittag im Herbst gern sicher gewesen, daß man den unheimlichen Dr. Mabuse schon gefaßt hat, konnte mich aber nur noch an einzelne Film-Szenen erinnern, nicht an den Schluß. Egal – Dr. Ringsgwandl hatte sich angeboten, mich am Garmischer Bahnhof abzuholen. Der Zug tuckerte durch das Voralpenland.

Seit Monaten war ich Dr. Ringsgwandl auf den Fersen. Auf meinem Plattenspieler rotierte nur mehr „Das Letzte“, die erste und bisher einzige Ringsgwandl-Platte, eine Erinnerung an seine Auftritte. Manche Lieder waren mir zu Ohrwürmern geworden. Und nicht nur mir. Achternbuschs letzter Film „Wohin?“ endet mit einem Ringsgwandl-Lied: „Gut’ Nacht, die Damen! Die Damen, gut’ Nacht!“

„Das Letzte“ hieß auch Ringsgwandls Programm, mit dem er durch, die Provinz tourte: Starnberg, Nürnberg, Passau... Eines Tages stand ich, eingekeilt in einen Pulk von Neugierigen, einer bunten Mischung aus der örtlichen „scene“, im Jugendzentrum von Coburg und wartete auf Ringsgwandls Auftritt.

Das fing schon gemein an. Nicht wie der Star des Abends betrat Ringsgwandl die Bühne, sondern wie sein eigener Assistent. Fast trotzig schien er mit der Kleidung seinen Namen zu illustrieren. Er trug einen braunen, sichtbar billigen Anzug mit Kniebundhosen (und hatte die Lippen rot geschminkt). Dieses Programm begann so trist wie ein bunter Abend in den Fünfzigern. Mit unverhohlener Routine stellte Ringsgwandl seine Zwei-Mann-Band vor, so wenig animierend wie möglich sagte er: „Mir macha a bissl Musik heut auf d’Nacht.“

Ringsgwandl (vocals), erster Gesang: „Wer ist hier jung, wer hat hier Schwung?“ Dazu ein paar verunglückte Beinschwünge, ein tapernder Tanz, eine Szene aus der geschlossenen Abteilung. Heut abend: Der Autist als Alleinunterhalter.