Der Schatten hinter der Windschutzscheibe hat kein Gesicht. Das Wesen am Steuer scheint kein Mensch zu sein, sondern Teil der Maschine Auto, und die will vorwärts. Möglichst schnell, sofort. Ein Motorrad, perspektivisch verzerrt, rast vorbei. Am Zebrastreifen, klein, isoliert, mit dem Teddybär im Arm, steht das Kind, als lebendes Verkehrshindernis. Es wartet, will vorbei, es hat keine Chance.

Jeden Tag ein bißchen Lebensgefahr. So sieht Tanja, 14 Jahre alt, den Alltag auf der Straße. Ihr Bild zeugt von einem klaren Blick auf die Realität. Alle 13 Minuten verunglückt auf bundesdeutschen Straßen ein Kind, eines stirbt jeden Tag. Das sagt die Statistik. Bei uns werden fast doppelt so viele Kinder auf der Straße getötet wie beispielsweise in Italien.

Kinder sollen lernen, sagt eine Empfehlung der Kultusminister, „sich um eine humane Gestaltung des Straßenverkehrs zu bemühen“. In Hamburg bemühen sich Kinder seit 23 Jahren darum. Schüler der siebten bis neunten Klasse geben sich Mühe, Erwachsene zu erziehen: Sie malen Bilder für den “Plakatwettbewerb Hamburger Polizei-Verkehrslehrer“. Mit den Plakaten touren die Veranstalter in Hamburg durch Ausstellungsräume, lassen Aufkleber und Briefumschläge drucken und zeigen Entwürfe im Fernsehen, zum Beispiel vor der Sesamstraße. Ob das wirkt, weiß niemand? Es sind keine Schockbilder, kein Blut, keine Todesopfer, die die Kinder den Erwachsenen präsentieren. Aber was sie darstellen und wie sie es tun, verrät eine Menge darüber, wie sie die Welt um sich herum erleben.

Was die 13jährige Melanie zeigt, ist typisch: Dunkle Riesen ohne Köpfe verstopfen den Gehweg. Das Kind ist auf die Straße abgedrängt, es paßt nicht dazwischen, keiner der Passanten sieht, daß es existiert. Die Welt ist grau, und das ist auf vielen Bildern so: Autos, Straßen und auch die Erwachsenen, mal dunkel-, mal hellgrau, abweisend und bedrohlich. Die Großen als lebende Mauern im Bus oder am Straßenübergang; riesengroß sind sie oft, überdimensional, und häufig haben sie keine Gesichter. Es sind Menschen wie die „grauen Herren“, mit denen Michael Endes „Momo“ zu kämpfen hat. Ängste in Bildern: Straßenschluchten, Häuser, die zu Monstern werden, mit Augen, Mäulern, Armen, die die Kinder zu erdrücken drohen.

Die Kinder dagegen: klein, bunt, mit Dreirad oder Teddybär, Dreikäsehochs vor rasenden Riesenautos, hilflos und ziemlich verloren. Die Kritik der Kinder ist radikal.

In den Institutionen der Erwachsenen wächst das schlechte Gewissen. Die Stadt Herten im Ruhrgebiet hat vier „Kinderfreunde“ eingesetzt, die sich um kinderfreundliche Straßen kümmern sollen. Die Kinderkommission des Bundestags fordert Tempo 30 in Wohngebieten. Doch wo Tempo 30 gilt, da fahren immer noch 70 bis 97 Prozent der Autofahrer schneller, als sie dürfen, das hat eine Untersuchung der Gesamthochschule Wuppertal ergeben.

Ob die Kinder später einmal gegen die Lust am Rasen gefeit sein werden? Auf einigen Bildern sind Sattelschlepper mit Chrom und Glitter zu sehen, bis zur letzten Radkappen-Mutter liebevoll gestaltet, oder Rennwagen, technisch perfekt von der Lichtanlage bis zum Auspuffrohr. Da artikulieren sich die Autofahrer von morgen.

Barbara Supp