Am 3. Mai war der Krieg längst entschieden: Hitler hatte sich im Führerbunker das Leben genommen, Russen und Amerikaner waren bei Torgau zusammengetroffen, Deutschland bereitete sich in banger Erwartung auf einen (fürchterlichen?) Frieden vor. Doch noch funktionierte der NS Staat. In Mürwik bei Flensburg hatte Großadmiral Dönitz soeben seine geschäftsführende Reichsregierung etabliert. An der Elbe vor Lauenburg kämpfte das Bataillon "Feldherrenhalle" verbissen um jeden Quadratmeter. Und in der Lübecker und Kieler Bucht lag mit gut 200 deutschen Schiffen und Unterseebooten eine gewaltige Flotte vor Anker. Da stand die letzte Tragödie des Zweiten Weltkriegs noch bevor.

Der Fliegerhorst Plantlünne bei Nordhorn befand sich erst seit einigen Tagen in der Hand der Briten. Von hier aus starteten am 3. Mai um 14 00 Uhr neun Piloten der Royal Air Force (Staffel 198, Gruppe 84) zum letzten Großangriff auf "militärische Ziele" im Ostseeraum — jeweils drei Piloten in einer Sektion, nach Farben unterteilt in blau, grün und schwarz. Ihre einmotorigen Jagdbomber vom Typ Typhoon I B trugen eine gefährliche Waffe: Raketenbomben, deren Erprobung gerade erst abgeschlossen war. Was die Piloten nicht wissen konnten: Im Zielgebiet — 300 Kilometer von Nordhorn entfernt — warteten zehntausend Menschen auf ihre Befreiung: KonzentrationslagerHäftlinge aus Neuengamme und verschiedenen Außenlagern, Menschen aus 28 Nationen, die die SS in den letzten Kriegstagen auf drei Schiffe in der Lübecker Bucht vor Neustadt verschleppt hatte — Drei Schiffe und doch nur ein Name, der bis heute haften geblieben ist: Cap Arcona. Laut Bordtagebuch griffen die Piloten um 14 30 Uhr zwei "Seekriegsziele" an. Ein grauenhafter Irrtum: Vierzig Volltreffer verwandelten den Luxusliner Cap Arcona in ein Flammenmeer. Der Frachter Thielbek wurde leckgeschossen und sank innerhalb von 15 Minuten. Nur die Athen, die im Neustädter Hafen lag, blieb weitgehend verschont. Was sich auf den vollgepferchten Schiffen ereignete, läßt sich auch heute nur annähernd beschreiben: Tausende von Häftlingen versuchten, aus den Laderäumen, aus Zwischendecks und überfüllten Passagierkabinen zu entkommen — vorbei an Wachmannschaften, die das Feuer auf sie eröffneten. Die Rettungseinrichtungen waren von der SS schon Tage zuvor beseitigt worden. Jeder Fluchtversuch sollte auf diese Weise vereitelt werden. Wer den Flammen entkam, ging zumeist in den acht Grad kalten Ostseefluten unter. Noch am rettenden Ufer wurden einige Häftlinge von ihren Bewachern niedergemetzelt. Nur 450 Menschen überlebten das Inferno. Mehr als siebentausend Häftlinge, dazu 600 Bewacher und Besatzungsangehörige fanden den Tod — fünf Tage vor Kriegsende und unmittelbar vor der Befreiung!

Eine der größten Schiffskatastrophen aller Zeiten machte in den Einsatzberichten der R A F. ganze vier Zeilen aus: "Im Hinblick auf die Menschenmassen, die aus ihnen (Cap Arcona und Thielbek, d. Verf ) herausquellen, und im Hinblick auf die Lage kann man nur annehmen, daß viele Hunnen heute die Ostsee sehr kalt fanden " — Kriegsbedingte Verrohung oder schlicht Unkenntnis? Auch später, als feststand, wer die Opfer waren, hatten die Briten nichts hinzuzufügen: keine Erklärung, keine Entschuldigung.

Und auch von den Historikern fühlte sich später niemand zur Aufklärung berufen. Es gab auch nie eine Kommission aus Deutschen und Alliierten, die über Fragen von Schuld und Verstrickung hätte urteilen wollen. Ein Komplott des Schweigens umgab lange Jahre das tragische Unglück in der Neustädter Bucht. Die spärlichen Publikationen seit Kriegsende beschränkten sich im wesentlichen auf die Wiedergabe von Augenzeugenberichten. Dabei waren keineswegs alle Fragen beantwortet. Im Gegenteil, die Hauptursachen, die zur Katastrophe führten, liegen immer noch weitgehend im Dunkeln. Welchen (selbst militärischen) Nutzen hatte der Angriff in diesen letzten Kriegstagen? Was stand hinter den Evakuierungstransporten der SS auf die Schiffe? Warum unterblieben geeignete Rettungsmaßnahmen?

Der Großangriff am 3. Mai 1945, bei dem mehr als 30 Schiffe und Unterseeboote versenkt wurden, ging als "the big shipping strike" in die britische Kriegsgeschichte ein — nicht jedoch die dabei ebenso erfolgte Vernichtung der Cap Arcona und der Thielbek. Aus den Gefechtstagebüchern der 83 und 84. Gruppe der 2 taktischen Luftflotte geht hervor, daß man in der Lübecker und Kieler Bucht eine Absetzbewegung großen Stils, ähnlich der von Cap Bone in Nordafrika, verhindern wollte. Der Einsatz sollte die dafür vorhandene Tonnage vernichten, die verbliebenen deutschen Truppen demoralisieren. Doch wohin sollten sich die Militärs eigentlich noch zurückziehen? Auch hätte der britischen Aufklärung, die beispielsweise während der Bombenangriffe auf Hamburg verhinderte, daß auch das Konzentrationslager Neuengamme in Mitleidenschaft gezogen wurde, nicht entgehen dürfen, was selbst die Schweden, dank ihres Vermittlers Graf Bernadotte, wußten: daß die SS dabei war, die noch verbliebenen Konzentrationslager zu räumen und die Überlebenden auf die Schiffe zu bringen. Oder sollten die Briten hohe Zivilverluste in Kauf genommen haben bei der Anstrengung, die "Festung Norddeutschland" kapitulationsreif zu schießen?

Solche Vermutungen wurden von früheren deutschen Darstellungen genährt, die denn auch vor allem der Reinwaschung deutscher Dienststellen von jeglicher Schuldbeteiligung dienten. Schlimmer noch: Indem dort der Fall Cap Arcona mit der Evakuierung deutscher Zivilisten und Soldaten aus dem Raum Danzig verglichen wurde, kam diese Katastrophe in ein schiefes Bild. Nichts lag den SS Schergen weiter entfernt als — wie Fritz Brustat Naval annahm — die Übergabe der Häftlinge an die Schweden. Nicht die Rettung stand auf ihrem Programm, sondern Vernichtung. Zwar hatte Himmler noch im April 1945 versucht, gegen Tausch yon KZ Häftlingen einen Separatfrieden mit den Westalliierten zu erreichen, doch seine Haut rettete er damit nicht. Als alle Verhandlungen fehlschlugen — lediglich dem Grafen Bernadotte gelang es, die skandinavischen und eine Reihe französischer Häftlinge aus der Schutzhaft zu erlösen —, ging es den Nazi Bonzen nur noch darum, die Spuren ihrer verbrecherischen Handlungen zu beseitigen. Am 14. April 1945 befahl Himmler, alle Konzentrationslager zu evakuieren — mit dem Zusatz, daß kein Häftling lebend (!) in die Hände des Feindes fallen dürfe. Wenig später wurden das Stammlager Neuengamme und 77 Außenlager geräumt. In regelrechten Todesmärschen wurden die Häftlinge auf eine Odyssee durch die noch nicht besetzten Gebiete geschickt, wobei sie oft von A nach B und wieder zurück mußten. Wer dabei nicht ums Leben kam — in einer Scheune bei Gardelegen verbrannte die SS tausend Häftlinge bei lebendigem Leibe —, kam schließlich in Lübeck auf eines jener Schiffe. Nichts schien zu diesem Zeitpunkt "effektiver", um im gnadenlosen Jargon der Nazis zu bleiben, als die Vernichtung auf hoher See. Alle Berichte von Überlebenden, wie sie von den ehemaligen Häftlingen Rudi Goguel und Bogdan Suchowiak zusammengetragen und veröffentlicht wurden (1972 im Röderberg Verlag und 1985 bei Rowohlt), verweisen auf diese Absicht der SS. So begann das letzte und wohl umstrittenste Kapitel der Cap Arcona Tragödie: die Ereignisse am 3. Mai selbst. Suchowiak und Goguel haben das Grauen an Bord geschildert, das nur von denen wiedergegeben werden kann, die dabei waren. Die Hintergrundereignisse sowie der technische Ablauf des Angriffs mußten ihnen jedoch verborgen bleiben. Hier bringt nun eine Dokumentation Klärung, das Buch von Wilhelm Lange "Cap Arcona. Das tragische Ende der KZ Häftlingsflotte am 3. Mai 1945", die erste wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse in der Lübecker Bucht. Der Erscheinungsort des Buches, Neustadt in Holstein, ist kein Zufall. Die Publikationen von Suchowiak und Goguel sowie vor allem eine spektakulär aufgemachte stern Sene von Günther Schwarberg hatten immer wieder die Rolle der Neustädter Bürger an jenem Frühlingstag kritisch in Frage gestellt. Hörte man nicht die Schreie der Verbrennenden bis zum Ufer? Hätten nicht bei einem entschlossenen Rettungsversuch viele das Inferno überleben können?

Allzulange hatte man in Neustadt das Thema unter Verschluß gehalten. In Stadtchroniken war sogar mehr von angeblichen Übergriffen durch ehemalige Häftlinge in der turbulenten Folgezeit die Rede als von der Katastrophe selbst. Langes Buch — eine Auftragsarbeit der Stadt Neustadt — ist insofern als mutig zu bezeichnen, als es den Neustädtern keinen Persilschein ausstellt. Um so glaubwürdiger klingt es, wenn der Verfasser um Verständnis wirbt für die kriegsbedingte Situation, die eine Rettung erschwerte, wenn nicht unmöglich erscheinen ließ. Noch während der Fliegerangriffe tauchten britische Panzerspitzen vor den Toren Neustadts auf und nahmen den Hafenbereich unter Beschüß. Marinekutter liefen aus — doch nicht, um zu retten, sondern um sich selber in Sicherheit zu bringen. Die Auflösung militärischer und ziviler Kommandostrukturen hat mit Sicherheit das Chaos noch vergrößert.