Von Uwe Prieser

In diesen Tagen dringt morgens die Sonne schon früh durch den Dunst und läßt Lausanne im Gelb seiner noch in vollem Laub stehenden Kastanienbäume erglänzen. Nachsommertage, als könnte man hier, wo das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu Hause ist, den Herbst überspringen. Doch es ist November. Auf den Bergen hat es schon geschneit.

Im Palais Beaulieu ist der Kongreß der Internationalen Sport-Föderation zusammengekommen. Nach den Dopingfällen bei den Olympischen Winter- und Sommerspielen in Calgary und Seoul ist das Tagungsmotto als Kampfansage aufzufassen: „Sport und Medizin“. Der norwegische Wissenschaftler Inggard Lereim sagt: „Die Leute wollen die besten Athleten sehen, und nicht die Athleten mit den besten Apothekern.“ Delegierte von 72 internationalen Fachverbänden sind nach Lausanne gekommen, Leichtathleten, Schwimmer,. Ringer, Reiter, Ruderer.

Die Sportler selbst sind allerdings nicht da. Die meisten von ihnen haben, während die Funktionäre als ihre Interessenvertreter im Kongreßsaal ein Dutzend bedeutender Sportwissenschaftler zum Thema hören, weit entfernt von hier, ihr Wintertraining aufgenommen. Und die Fragen und die Konflikte fangen wieder von vorne an: Nehm ich was, oder nehm ich nichts? Muß ich was nehmen, wenn ich mithalten will? Und was und wieviel? Und woher bekomme ich es? Werde ich mich verbessern können, werde ich krank?

„Mindestens zwei von drei Medaillengewinnern in jeder Disziplin werden während ihrer Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen in Seoul Anabolika genommen haben“, hatte der ehemalige Europameister über 400 Meter, der Engländer David Jenkins, erklärt. Als Rädelsführer eines umfangreichen internationalen Drogensyndikats, das rezeptpflichtige Hormonpräparate in großem Ausmaß an Athleten vermittelte, weiß der Brite Bescheid. Der Prozeß läuft gerade in den USA.

An diesem Morgen der Eröffnung sagt der adlige spanische IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch: „Die Spiele von Seoul waren keine Dopingspiele.“ Kragen, Krawatte, Anzug Seiner Eminenz sind wie stets perfekt aufeinander abgestimmt in zartesten Schattierungen von Blau nach Grau, und seine Ersscheinung wirkt wie die Charakterisierung seines olympischen Handelns. Samaranch wird einmal als der Mann in die Sportgeschichte eingehen, der das Wirtschaftsunternehmen Olympia in ungeahnte Sphären getrieben hat.

Eine Stunde später schließt Professor Wildor Hollmann aus Köln seinen Vortrag mit den Worten: „... so daß wir auf diese Weise in jedem Alter jung und glücklich sterben können.“ Allerdings hat der mit einer kleinen Ovation belohnte Präsident des Weltverbandes der Sportärzte (FIMS) nicht über den olympischen Hochleistungssport gesprochen. Der Kardiologe und Sportwissenschaftler hatte mit seinem Thema „Ausdauertraining als Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ ein Gegengewicht zur Dopingdiskussion gesetzt. Die Sportmedizin ist schließlich nicht allein für die Medaillen da oder um Spitzensportler auf ihrer Gratwanderung zur körperlichen Leistungs- und Belastungssgrenze vor der Gefahr des Frührentnerdaseins zu bewahren.