In der Monika-Bar singt Janis Joplin so laut davon, was Freiheit bedeutet, daß es bis auf die Große Freiheit heraus schmerzt, aber da ziehen wir schon, in unseren blauen wattierten Jacken, im Haus gegenüber ein. Nachdem eine obskure Vorgruppe eine geschlagene Viertelstunde lang ein einziges Stimmband gequält hat, kommt endlich sie, die Elfe aus Island, Bjerk Gudmundsdottir.

Ein Kind steht auf der Bühne, rund und pummelig vor Babyspeck, Klammern in den filzigen Haaren und ein, Schmollmund, bei dem der letzte Macho im Todeskampf freudig aufröchelt. Sie ist da, macht ein paar Hopserschritte, verständigt sich mit dem Finstermann an ihrer Seite und hebt an, kiekst, plärrt, schrillt und psalmodiert auf Teufelkommraus. Aber keiner kennt’s, weil es Isländisch ist. Isländisch! Wer in aller Welt soll denn das verstehen! Nein, es ist doch Englisch, ein adaptiertes Norsk-Pidgin, aus dem man heraushört, daß die Frau, nein, das Kind, betet, mit Gott spricht, jedenfalls mit einem Deus, der sich, so denkt sie sich das jedenfalls, an ihr heftig zu schaffen macht. (Aber warum braucht er dazu Koteletten? Ist der isländische Gott in der Mode so rückständig?)

Das Kind ist eine junge Frau, die selber schon ein Kind hat, aber zum Besten der neuen isländischen Volksmusik stellt sich Bjørk auf die Bühne, zersingt Gläser und Akkorde und kokettiert in einer Tour mit ihrem Nebenmann, der eine klaffende Zahnlücke hat. Bjørk, die Nebeltochter, singt für die Sugarcubes, die letztes Jahr plötzlich aus dem Nichts, aber gleich so heftig auftauchten, daß sie seitdem nicht mehr vor Entdeckern sicher sind. Aus Deutschland, England und sogar aus Amerika fliegen Journalisten in Reykjavik ein, die sich dann seitenlang über die Vorzüge des örtlichen Duty-free-Shops auslassen, die niedrige Bevölkerungsdichte der Insel registrieren und ihre Geschichte jeweils damit beenden, daß sie mit der fünf- bis sechsköpfigen Band Saufen gehen. Jedesmal wird erstaunt notiert, daß die Leute da oben am Polarkreis eine Kultur haben (Thule! Thule!) und daß die Sugarcubes die einzig legitimen Erben des Punk sind. Hochmerkwürdig.

Als wäre nicht seit dem Anbeginn der Zeiten, wenigstens seit Bethlehem, die Erleuchtung immer aus den vergessenen Provinzen am Rande gekommen, aus Bayern und Island beispielsweise. Als die Elfe hereinschwebte, werkelten noch drei Mann an der Bespannung der Gitarre, so daß sich Bjørk und Einar (der Nachtmahr an ihrer Seite) einen schrecklichen Wechselgesang mit süddeutschem Liedgut (Exportversion) lieferten, das sie sich offenbar unmittelbar vorher nebenan auf der Reeperbahn im „Bayrisch Zell“ angeeignet hatten. Humpahumpa. Überflüssigerweise bringen sie auch noch einen Toast auf den verstorbenen Großen Vorsitzenden aus und schreiten dann zur Tat, zum eigentlichen Werk.

Und das heißt Plündern. Sie nehmen alles mit, was sie von New Wave bis Heavy Metal an Videoclipmusik mitgekriegt haben, vergreifen sich respektlos an Frank Zappa und Led Zeppelin, klauen wie die Raben aus dem Klassikerkanon. Ein Singen und Klingen ist in der dicken Luft, ein mystelndes Brimborium, gewiß, aber ist doch egal, über was sie da singen, über Geister, Druiden, Trolle oder andere Schweinereien. Diese aufgemischte Folklore ist die einzige Chance, die der Rock’n’Roll im Moment hat.

Als wir, blauwattiert, wieder in die Hamburger Nässe müssen, umwölkt vom nordischen Nebel, singt es immer noch aus der Monika-Bar, daß Freiheit nur ein anderes Wort dafür sei, nichts zu verlieren zu haben. Endlich, nach all den Jahren ohne Frau, gibt es eine Nachfolgerin für Janis Joplin, einen Unschuldsengel, der „Fick mich, du miserabler Hurensohn“ schreit, der alles übertreibt, bis es seine Richtigkeit hat. Glaubt mir: Aus dem hohen Norden kommt das Licht. (Weitere Termine: 17.11. München, 18. 11. Frankfurt, 19.11. Köln) Willi Winkler