Hamburg

Der leicht ergraute Mann steht vor der Texaco-Tankstelle Max-Brauer-Allee und verteilt Flugblätter. Er möchte seinen Namen nicht nennen: „Wir von der Koordinationsgruppe Texaco-Boykott befürchten Repressalien und Handgreiflichkeiten von Tankstellenpächtern. Gegen einen von ihnen läuft bereits ein Verfahren. Unsere Leute sind mit Schlagstöcken angegriffen worden, und heute morgen war eines unserer Fahrzeuge mit Schnellkleber verriegelt.“

Was sagen die Kunden dazu, daß Texaco und Wintershall im Nationalpark Wattenmeer Öl fördern, transportieren und – im Falle eines Unglücks – Fische und Vögel mit einer Ölpest bedrohen? „Idiotisch!“ Und warum tanken sie trotzdem bei Texaco? „Wir haben einfach nicht daran gedacht.“ „Sehr vernünftig, dieser Boykott!“ Ein älterer Mann fühlt sich durch die Frage angegriffen: „Ich tanke hier, weil ich immer hier tanke. Außerdem kann der Pächter nichts dafür.“

Der Pächter ist übers Wochenende nicht da. Ein Angestellter sitzt an der Kasse: „Ich soll dafür sorgen, daß die da nicht die Tankstelle betreten“, sagt er über die Boykotteure. Ja, der Umsatz sei zurückgegangen. „Ich finde, die sollten direkt bei Texaco demonstrieren und nicht hier.“

Die „Koordinationsgruppe Texaco-Boykott“, unterstützt von Jugend- und Pfadfinderverbänden, Greenpeace, Vereinen, Jungsozialisten und Firmen, glaubt an den Produktboykott: Als einziger Mineralölkonzern hat Texaco im vergangenen Jahr hohe Verluste bei den Erträgen aus dem Mineralölverkauf hinnehmen müssen; unter den hundert größten bundesdeutschen Industrieunternehmen erlitt der Konzern 1987 den zweitgrößten Imageverlust, so das Ergebnis einer Infratest-Umfrage. Um ihrer Forderung „Texaco raus aus dem Wattenmeer“ Nachdruck zu verleihen, hielten Boykotteure 1985 für kurze Zeit die Bohrinsel besetzt. Am 1. Oktober dieses Jahres drangen zwanzig Demonstranten auf das Gelände der Raffinerie Hemmingstedt bei Heide vor und setzten sich auf einen Öltank. Vergangenes Wochenende nun fand an hundert Tankstellen der vierte „Boykott-Aktionstag“ statt.

Indes nennt Texaco-Pressesprecher Harald Graeser die Bohrinsel Mittelplate „die sicherste der Welt“; es bestehe „keine Gefahr für Robben und andere Lebewesen“. Texaco reagiere auf die Boykott-Initiativen mit „offenen fairen Informationen“, nur „wollen die Boykott-Gruppen unsere Informationen nicht haben“. Diane Zweng