Von Mavrik Vulfsons

Glasnost und Perestrojka haben in den drei baltischen Republiken der Sowjetunion eine neuartige Bewegung aus der Taufe gehoben: die antistalinistisch ausgerichtete Volksfront zur Erneuerung der Gesellschaft.

Diese aus vielen gesellschaftlichen Gruppen und prominenten Intellektuellen bestehende Bewegung ist in wenigen Monaten durch populäre Forderungen – Schließung umweltfeindlicher Fabriken, Befreiung aller politischen Häftlinge – populär geworden. Durch Massenkundgebungen zum Andenken an die Opfer des Stalinismus, Proteste gegen den Molotow-Ribbentrop-Pakt und seine Folgen in den baltischen Republiken hat die Volksfront sofort die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Gefordert wird: mehr Souveränität, wirtschaftliche und staatliche Autonomie, Lettisch als Staats- und Umgangssprache in der Republik, Rehabilitierung der rot-weiß-roten Fahne.

Nach zahlreichen Diskussionen, die vom Rigaer Fernsehen live übertragen wurden, hatte sich allmählich die Forderung nach Schaffung einer Volksfront herausgeschält, die als Massenorganisation die Interessen der Republik und des lettischen Volkes vertritt. Dabei steht an erster Stelle die Eindämmung des Einwanderungszuwachses der nichtlettischen Bevölkerung, denn es droht die Gefahr, daß die Letten zum ersten Mal in der modernen Geschichte zur Minderheit in ihrem eigenen Lande werden. Gefordert wird ferner: keine Benachteiligung von Letten bei der Zuteilung von Wohnraum; das Recht der Regierung, alle lettischen Probleme souverän selber zu behandeln; ein Vetorecht für die lettische Regierung gegenüber Beschlüssen der Moskauer Regierung hinsichtlich innerer Probleme Lettlands; und schließlich: eine eigene Vertretung in internationalen Institutionen sowie selbständige außenpolitische Beziehungen. Verlangt werden auch nationale militärische Einheiten im Rahmen der sowjetischen Streitkräfte.

Die Volksfront ist keine politische Partei und sieht auch in ihrem Programm nicht den Austritt Lettlands aus der Sowjetunion vor. Sie ist eine Bewegung, in der sich die Interessen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen – Parteimitglieder, Christen, Grüne, nationale Minderheiten, beispielsweise Polen und Juden – artikulieren. Ihr erster Kongreß fand am 8. Oktober in Riga statt.

Die Volksfront setzt ihre Hoffnungen auf die Wahlen zum Obersten Sowjet der Republik im Frühjahr 1989 und schätzt ihre Erfolgsaussichten positiv ein. Augenblicklich stößt die Volksfront aber noch auf den Widerstand konservativer Kreise in leitenden Gremien der Republik. Das Programm der Volksfront wurde in den lettischen und russischen Zeitungen der kommunistischen Jugendorganisation Lettlands veröffentlicht und wird von der Mehrzahl der Massenmedien unterstützt. Obgleich die Volksfront den Interessen aller Nationalitäten dient, hegt das Gros der nichtlettischen Bevölkerung Mißtrauen und Abneigung ihr gegenüber. Da könnten Unwissenheit hinsichtlich der Volksfront-Ziele, aber auch chauvinistische Momente könnten eine Rolle spielen.

Bleibt noch zu erwähnen, daß im Programm der Volksfront auch die Rehabilitierung des deutsch-baltischen Kulturerbes gefordert wird. Allen Minderheiten sollen die Rechte, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg bestanden haben, wieder zugestanden werden: eigene Schulen, Theater, Kulturzentren ...