Von Angela Oelckers

Ein nasses Land, dieses Wales. Die Briten wissen schon, warum sie das Idiom wet as a Welsh weekend prägten, „naß wie ein walisisches Wochenende“. Es nieselt gern und ergiebig, und da das ganze Naß von oben irgendwo abfließen muß, ist Wales auch am Boden ziemlich feucht: Nebel am Morgen, matschige Wiesen, ungezählte Bäche und Flüsse. Kaum aus England heraus, überqueren wir schon das erste Waliser Wasser: die Wye oder Afon Gwy, wie der Fluß walisisch heißt. Ihr folgen wir von Süd nach Nord, von der Mündung in den Severnfjord Richtung Quelle.

So unschuldig-krautig sie ausschaut auf ihren letzten 30 Kilometern, als Grenzfluß zu England ist die Wye stets Schauplatz von Scharmützeln gewesen. Schon im frühen Mittelalter waren die Waliser und ihre östlichen Nachbarn sich nicht grün, und zwischen 757 und 796 n. Chr. legte Offa, König von Mercia, dem heutigen Mittelengland, einen massiven Erdwall an, um sich vor den plündernden Kelten zu schützen. Heute folgt ein Wanderweg, „Offa’s Dyke Path“ (dyke ist unserem Wort Deich verwandt), über 290 Kilometer dem Wall. Von ihm aus, leicht erhöht über dem Tal, blicken wir auf eine pastoral anmutende Landschaft: erlengesäumte Mäander zwischen Feldern, Auen, Schafweiden. Ein wenig unaufgeräumt und altmodisch mutet das Wye Valley an, und unsere Augen, an begradigte Bäche und flurbereinigte Felder gewöhnt, entspannen sich.

Schon im 18. Jahrhundert zog das Wye-Tal Touristen an, auf Booten ließen sie sich hinaufrudern, bis zu den Ruinen der Tintern Abbey. „Wie eine Gemme in die Falten waldiger Berge gesetzt“, so beschrieb 1835 der Maler Samuel Palmer die Abtei. Auch William Turner war fasziniert von der damals efeuüberwucherten, pittoresken Szenerie, er kam gleich zweimal (1795 und 1798) und füllte Skizzenbücher mit Ansichten des im Jahre 1131 gegründeten Zisterzienserklosters. Heute fehlt der Efeu, die Schönheit der Arkaden und Spitzbögen aber ist um so klarer: „lichteste Gotik“, wie Palmer fand.

Nur eine Brücke trennt Hay-on-Wye in der Grafschaft Powys von England. Der kleine Marktflecken mit seinen schwarzweißen Fachwerkhäusern ist ein Paradies für Bibliomanen. ein ganzer Ort voller Secondhand-Buchläden, gut zwei Millionen Bücher, mehr als 15 Kilometer Regale. Stunden, Tage möchte man hier stöbernd zubringen. Wir verbummeln uns, den Kopf Titel-lesend auf die Schulter geneigt, zwischen den Regalen und verwünschen das Tagesprogramm, das uns in zwei Stunden andernorts einplant.

1961 zog der Buchhändler Richard Booth von England nach Hay, mittlerweile besitzt er hier das wohl größte Antiquariat der Welt. Außerdem besitzt er Sinn für Marketing: Am 1. April 1977 erklärte er Hay-on-Wye zum unabhängigen Königreich und sich selbst zum König, verkündete den Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft (noch vor dem Eintritt) und verteilte eßbare Banknoten. Kurz: Es war ein Riesenspaß für den Ort und eine clevere Werbeaktion. „I put it on the map“, sagt „King Richard“, er machte Hay bekannt.

Eine Autostunde und etliche Wye-Windungen weiter nordwestlich gibt sich Pamela Powell alle Mühe, den Ort Rhayader ( Rhaiadr Gwy = Fälle der Wye). bekannt zu machen. Sie organisiert die farmhouse accommodations der Gegend, Unterkünfte auf Bauernhöfen also. Die quirlige alte Dame – „Sagen Sie Pam, ja?“ – drängt uns Tee und ein Stück Früchtekuchen nach dem anderen auf und preist derweil wortreich die Attraktionen der Umgebung: das Vogelreservat, wo es den „Merlin“ genannten roten Falken gibt; den Golfplatz in LLandrindod Wells; das Lachs- und Forellenfischen, das Ponytrekking. Und, natürlich, „den aufregenden neuen Sport, Mountainbiking“. Denn vor zwei Jahren schaffte Pams Sohn Clive ein Dutzend Bergräder an, ließ Handzettel drucken und schockierte die Nachbarschaft mit einem zweideutigen Schild im Garten: „Dirty Weekends“, versaute Wochenenden, versprach er damit. Zu Recht, denn abseits der Wege, nach walisischem Regen, bewirft man sich beim Biking gründlich mit Dreck.