Von Annelies Furtmayr-Schuh

Anna Richter fühlte sich schlapp. Die gewöhnlich sehr vitale Dame war während ihrer vier Lebensjahrzehnte noch nie ernstlich krank gewesen. Nun aber hatte der Arzt Eiweiß in ihrem Urin festgestellt und eine Amyloidose diagnostiziert – eine rätselhafte Krankheit, die nahezu ausnahmslos fatal endet. Nach sechs Wochen war Anna Richter tot.

Amyloid nennen die Mediziner körpereigene Eiweißstoffe, die sich – zu spiralig verdrehten Nadeln verbacken – in verschiedenen Organen ablagern. Im Körper eines jeden Menschen sammelt sich im Laufe des Lebens unbemerkt Amyloid an. In der Leber können bis zu fünf Kilogramm schwere Brocken entstehen. Bei bestimmten Amyloidosen werden die lebenswichtigen Organe wie Leber, Herz und Nieren erst im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit befallen. Somit treten Beschwerden erst in der Endphase auf, wenn der Körper mit der raumfordernden Ablagerung nicht mehr fertig wird.

Während schwere Amyloidosen seltener vorkommen – immerhin etwa bei einem Prozent der Sektionen findet sie der Pathologe – sind die zu Lebzeiten unerkannt bleibenden Amyloidablagerungen häufiger als Krebs. Jedoch stirbt der Betroffene offenbar nicht direkt daran. „Amyloidansammlungen in den Organen dürften vielmehr die Ursache für ein breites Spektrum von Altersbeschwerden sein“, vermutet Reinhold Linke, Arzt und Wissenschaftler am Institut für Immunologie der Universität München, der sich seit 18 Jahren der Amyloidforschung verschrieben hat.

„So steht zum Beispiel die Zuckerkrankheit alter Menschen, der Altersdiabetes, in Zusammenhang mit einer Amyloidose“, erklärt der Forscher. „Wie jüngst Untersuchungen in Schweden ergaben, drosselt ein Amyloid die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse.“ Überdies werden Herzrhythmusstörungen in vielen Fällen durch eine Amyloidose des Herzmuskels verursacht. „Auch der landläufig als ‚Verkalkung‘ bezeichnete geistige Verfall alter Leute, wird durch Amyloid verursacht und müßte richtiger ‚Vereiweißung‘ heißen“, gibt Linke zu bedenken. Denn nicht Kalk, sondern Eiweiß (Protein) zerstört die feinen Blutgefäße der Großhirnrinde. Es kommt zu Gehirnblutungen und Ausfällen in der das Bewußtsein steuernden Hirnrinde. Und wenn wir nur lange genug leben, sammeln sich im Gehirn Amyloid-Steinchen an: Das Amyloid-Protein ist mit Aluminiumsilikat, einer Tonsubstanz, versteinert. Jeder Mensch, der das neunte Lebensjahrzehnt überschreitet, weist in seinem Denkorgan Amyloid-Ton-Steinchen auf. Bei der Alzheimerschen Krankheit, der häufigsten Hirnleistungsschwäche alter Menschen, beginnt diese Ablagerung sehr viel früher, so daß große Teile des Gehirns zerstört werden (siehe DIE ZEIT, Nr. 24/87: „Tödliche Steinchen im Hirn“).

Obwohl die Mediziner seit fast 200 Jahren vor allem in der Milz, Leber, Niere und Nebenniere brettharte, aber auch speckige und glasige Ablagerungen kennen, die sich später alle als Amyloid identifizieren ließen, ist die Entstehungsursache weitgehend unbekannt. Weil sich diese spiraligen Fibrillen im Gewebeschnitt genauso wie Stärke (Amylum) anfärben lassen, erfand der berühmte Pathologe Rudolf Virchow 1854 den Namen Amyloid – also „Stärkeähnliches“. Fünf Jahre später bereits entdeckte August Kekulé – Chemiker und „Erfinder“ des Benzolringes –, daß die seltsamen Stäbchen gar keine Stärke enthalten, sondern vielmehr aus Eiweiß bestehen. Trotzdem hielt sich die Fehlbezeichnung bis heute.

Für die Ärzte der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts war Amyloid eine Art Stoffwechselschlacke. Erst mit modernen biochemischen und immunologischen Techniken, wie der Aminosäure-Sequenzierung und den monoklonalen Antikörpern, wurde es möglich, Amyloid zu erforschen.