Willi Maurer verabschiedete sich so: „Unser aller Leben geht einmal zu Ende – auch das meine. Und wenn Sie diese Zeilen lesen, habe ich längst zum letzten Male tief und vernehmlich geatmet.“

Willi Maurer muß ein ungewöhnlicher Sterblicher gewesen sein, denn er setzte den Text seiner Todesanzeige selbst auf. „Meine hektische Eile und mein manchmal notwendiges, wenig nachgiebiges Durchstehen haben sicher manchen verprellt“, räumte er rückblickend ein, nicht ohne noch einmal zu sagen, worauf es ihm Zeit seines Lebens angekommen war: „Sich aus dem endlosen Meer der Namenlosen herauszurecken.“

Hat das Durchstehen, das Verprellen, das Herausrecken gelohnt? Was ist von Willi Maurer geblieben? Seine Todesanzeige liegt aufgeschlagen in einem dicken Aktenordner, und Pastor Hans Mader fragt: „Kann ich umblättern?“

Seit seiner Studienzeit interessiert sich der 39jährige Pastor aus Ratzeburg für besondere Todesanzeigen. Über tausend Stück verfügt er jetzt, in Klarsichtfolien gehüllt und systematisch geordnet. In der Abteilung „Menschen, die vom Tod betroffen sind“ hat er zunächst die Mütter versammelt. „Mammchen“ wird beklagt, „die beste aller Schwiegermütter“, „sie war unsere Mutter – bedarf es der Worte mehr!“ Seitenweise hören Mutterherzen auf zu schlagen: selbstlose Mutterherzen, herzensgute Mutterherzen. „Mindestens zwanzig verschiedene Mutterherzen“, sagt Pastor Mader.

Freunden hat er ein Kapitel eingerichtet („Ein guter Kamerad ist von uns gegangen, mit letztem Gruß, Skinheads VfB-Fans Lübeck“), Ärzten („in serviendo humanitatis consumpsi“), Künstlern („Dem Puppenspieler von Lübeck wurden die Fäden aus der Hand genommen“), unter denen sich auch ein Lebenskünstler findet: „Dein liebster Spruch war: De ward mi nich schmecken.“

Politiker: Ludwig Erhard mit dickem Kreuz, bei Heinemann der Name kaum herausgehoben. „Die SPD“, sagt Mader, „macht das anders als die CDU.“ Als Strauß starb, kaufte sich der Pastor zum ersten Mal den Bayernkurier. „Wenig Christliches“ hat er in den Nachrufen gefunden.

Unter den „politisch Verfolgten“ liegt Kemal Altun, der asylsuchende Türke, der verzweifelt in Berlin aus dem Gerichtsgebäude sprang. Da liegt auch eine „Mensa Lübeck“: „Nach 25 Jahren fieberhafter Planung ist sie von uns gegangen“, schreiben „die zutiefst betroffenen Studenten“. Und, schließlich, zählt der Pastor zu den „Menschen, die vom Tod betroffen sind“ auch die Tieje: Ein Photo zeigt „Guido vom Wasbeker Moor“, als der Rüde noch auf allen Vieren stand. „Todesumstände“ faßt die zweite Abteilung der Sammlung zusammen. „Er starb aufrecht wie ein Mann“, heißt es über den 20jährigen Michael aus Krefeld, „offenen Auges den Blick nach vorn gerichtet, seinem Naturell entsprechend, kämpfend bis zum letzten Atemzuge am Steuer seines geliebten Wagens.“ Sein Beifahrer, mit einer eigenen Anzeige bedacht, wurde lediglich „durch einen Verkehrsunfall von uns genommen“.