Von Manfred Sack

Frankfurt am Main in diesen Tagen: Was sich auch wo immer in dieser Stadt, unter deren Bürgern 1933 dreißigtausend, 1945 dreißig Juden gezählt wurden, zutrug – der 9. November schien Tage vorher, Tage nachher allgegenwärtig zu sein, wörtlich, bildlich, in Anspielungen. Unablässig schien irgend etwas zum Thema zu geschehen: Gedenkreden, Gedenkkonzerte, Gedenkrezitationen, Gedenktafeln. Eine eigenartig gespannte Atmosphäre war zu spüren, als sollte die Lebendigkeit der Geschichte beschworen werden.

Gerade sagte der Historiker Michael Wolffsohn, wir brauchten „nicht nur das Weinen und Wollen, sondern das Wissen“. Und wahrhaftig dienen zwei Institutionen nichts anderem als der genauen Unterrichtung: Hüben, am nördlichen Ufer des Mains, wurde das Jüdische Museum eröffnet; genau gegenüber am anderen Ufer wird im Deutschen Architekturmuseum zum erstenmal „Die Architektur der Synagoge“ ausgestellt – wobei das Frankfurt-Kapitel im Jüdischen Museum zu sehen ist.

Man sagt, es sei dem Oberbürgermeister Wallmann einst auf einer Reise nach Israel in den Sinn gekommen, im Rothschild-Palais und dem Nachbarhaus, Untermainkai 15 und 14, ein Jüdisches Museum, das erstaunlicherweise erste in der Bundesrepublik, einzurichten. Die beiden schönen, bescheidenen, mit den Stilmerkmalen des Klassizismus versehenen Häuser hatten den Krieg unbeschädigt überstanden. Als Ende der siebziger Jahre das Projekt „Museumsufer“, mit dem Frankfurt so schnell und zum erstenmal seit langem wieder freundlich von sich reden machte, Gestalt annahm, gehörte auch dieser Einfall zum Programm.

Nun ist er zu besichtigen: kein Museum, das mit einer reichen Sammlung schöner Gegenstände zu glänzen vorhätte, sondern eines, das vor allem informieren will. Vorurteile, weiß der Direktor Georg Heuberger, wuchern auf Unkenntnis. Deshalb diese Anstrengung, „das für einen Dialog zwischen Juden und Nichtjuden notwendige Wissen über Geschichte, Kultur und Religion der Juden zu vermitteln“. Es will also mehr sein als sein Vorgänger, das „Museum jüdischer Altertümer“, das es von 1922 bis 1938 gegeben hatte. Am9. November wurde es von Bundeskanzler Kohl und Wallmanns Nachfolger Brück eröffnet.

Man merkt dem Museum auf der Straße nicht an, was es enthält: Zwei großbürgerliche Wohnhäuser von zurückhaltender Pracht, beide gegen 1860 von dem Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess (1785-1845) entworfen und gebaut. Das zweite, etwas reicher gestaltete, erwarben zwei Jahrzehnte später die Rothschilds und ließen es erweitern. 1894 hatte dann Hannah Louise von Rothschild, zum Andenken an den Vater, die Rothschildsche öffentliche Bibliothek darin eingerichtet. Von 1968 an diente das Doppelhaus dem Historischen Museum.

Der Darmstädter Architekt Ante Josip von Kostelac, der sich mit wenigen’exquisiten Bauwerken einen guten Namen gemacht hat, hat daraus das Jüdische Museum gemacht. Wie ihm aufgetragen war, ließ er die fein gegliederten Fassaden unberührt, ebenso drei Rothschildsche Zimmer; sie wurden ebenso wie die Neorenaissancetreppe restauriert. Im übrigen war ihm daran gelegen, den wohnlichen Charakter der ehemaligen Palais’ zu bewahren, dem Interieur mit den weißen Stuckkanten und den grauen Dielen einen Anflug von Privatheit zu geben – auch wenn darin das Design der Ausstellungsarchitektur einen allzu beflissenen, oft verwirrend angestrengten Geltungsdrang entwickelt und die Gelassenheit vieler Räume in Unordnung bringt. Zwar will es die schönen Gegenstände erhöhen, aber dann kehrt es mehr sich selber hervor. Manchmal ist schwer zu sagen, was Designszenerie, was Architektur ist – die jedenfalls hat ein angemessenes, selbstbewußtes Verhältnis zu den beiden alten Gebäuden gefunden.