ARD, Sonntag, 20. November, 9.30 Uhr: „Die Sendung mit der Maus“

Deutschland am Sonntag. Die Kinder zanken sich, die Kinder prügeln sich, die Eltern sind verzweifelt. Das mahnende Wort geht unter, die Drohung mit dem Sonntagsspaziergang verpufft – bleibt der letzte, rettende Griff. Die Fernbedienung. Mal sehen, was im Fernseher läuft.

Und tatsächlich: Sobald der Kasten flimmert und dröhnt, verstummen die lieben Kleinen, ihr Krieg scheint beendet, der Sonntag gerettet. Doch das ist eine Täuschung – nach dem Fernsehen sind die Kinder noch aggressiver als zuvor. Wie jede Droge, wie jedes Rausch- und Beruhigungsmittel macht auch das Fernsehen alles nur noch schlimmer.

Die Ausnahme von der Regel (oder sagen wir bescheiden: das Wunder) findet jeden Sonntagmorgen im Ersten Deutschen Fernsehen statt: „Die Sendung mit der Maus“. Die Sendung, die Kinder freundlicher macht und Eltern klüger. Die Sendung, die tatsächlich schon manchen deutschen Sonntag in mancher deutschen Familie gerettet hat. Die „Maus“ ist nämlich eine deutsche, eine ehrbare Maus. Das heißt, sie macht erst gar nicht den Versuch, mit dem wüsten Schwung der Comics (der oft nur ein rasender Stumpfsinn ist) zu konkurrieren. Ihre Gegenwaffe aber ist eine ganz und gar undeutsche. Nicht die innige Märchensüßlichkeit. Nicht die protestantische Besinnlichkeit. Nicht die progressive Fernseh-Schulstunde. Was aber dann?

Das Leben. Wie bitte? Das Leben. „Die Sendung mit der Maus“ (Untertitel: „Lach- und Sachgeschichten für Fernsehanfänger“) wagt und beweist die Behauptung, daß das Leben doch noch etwas spannender ist als das Fernsehen. Natürlich gibt es auch Kinderlieder in der Sendung, Tiergeschichten (manchmal etwas brav), gibt es Zeichentrick und Comic. Aber dann gehen die „Maus“-Macher hinaus in die Wirklichkeit (und animieren Kinder und Eltern, dasselbe zu tun). Sie benutzen das Fernsehen als Vergrößerungs-, nicht als Beschleunigungsapparat. Das Tempo der Sendung ist ein immer entspanntes Andante – kein Slapstick-Presto, kein Belehrungs-Largo.

In der vergangenen Woche sahen wir, was alles man mit einem Hühnerei anstellen kann. Star des kommenden Sonntags ist der zweihundertachtzigfüßige Tausendfüßler. Aber die „Sendung mit der Maus“ bleibt niemals in der possierlichen Tierwelt. Sie geht unter die Menschen, zeigt ihre Gesichter, beschreibt ihre Arbeit – niemals rührselig, aber mit einem diskreten Staunen: Vielleicht ist das die einzige märchenhafte Behauptung der „Maus“ – daß es, wenn man genau hinsieht, gar keine langweiligen Menschen, gar keine langweiligen Berufe gibt.

Nicht einmal vor dem schwierigsten, für Kinder angeblich unbegreiflichsten Teil des Lebens schrecken die Autoren zurück. Vor einem Jahr (oder zwei), in den Novembertagen, gab es eine Folge, die vielleicht die beste Kindersendung des deutschen Fernsehens wurde. Ihr Thema, unglaublich: der Tod.